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24. Januar 2019

Die Welt ein wenig fairer machen

Solidarische Landwirtschaft

In Worpswede und Lünzen betreiben Frank Lütjen und David Goertsches Solidarische Landwirtschaft - mit Höhen, aber auch Hürden. Regionale und saisonale Produkte gepaart mit Tierwohl und Natureinklang werden hier groß geschrieben.

Alles auf einen Blick

Worpswede, Lünzen

Landkreis: Osterholz und Heidekreis

Arbeitnehmer im eigenen Betrieb

Im Sommer tragen die Mitglieder der SoLaWi (Abk. für: Solidarische Landwirtschaft) Moorbirke kurz hinter Worpswede, schwer an ihrem Gemüse. Im Winter fällt der Mitgliedsanteil der SoLaWi Moorbirke dagegen nicht ganz so üppig aus, den Durchschnittswert von drei Kilogramm landwirtschaftlicher Produkte aber bedient Frank Lütjen mehr als reichlich. Denn sommers wie winters sorgt der Landwirt dafür, dass seine Mitglieder mit regionalen Lebensmitteln gut bedient sind.

Seit 2017 ist Lütjen einer von aktuell 193 Höfen des Netzwerks Solidarische Landwirtschaft in Deutschland. Den ersten Anstoß, in Richtung Solidarischer Landwirtschaft zu denken, erhielt er von der Landwirtschaftskammer. Das Konzept begeisterte ihn, denn unter dem Strich, so Frank Lütjen, bleibe den Landwirten trotz harter körperlicher Arbeit nur wenig zum Leben übrig.

„Das ist schade, denn der Beruf des Landwirts ist ein besonders schöner, der Menschen mit Nahrung versorgt“, so schwärmt er. In der Solidarischen Landwirtschaft ist er nun „Arbeitnehmer“ im eigenen Betrieb. Seine Betriebskosten sind durch die Anteile der „Mitlandwirte“ gedeckt. Die nehmen jede Woche Gemüse, Eier und Obst mit nach Hause. Begonnen hat er mit zwölf Mitgliedern, mittlerweile ist die SoLaWi Moorbirke auf 33 Mitglieder angewachsen.

Ein Landwirt steht vor seine Rinderherde.

Französische Rasse: 30 Salers-Rindern hält David Goertsches auf dem WeidenHof in der Lüneburger Heide.

Ein Mann streichelt ein schwarzes Rind.

Frank Lütjen ist seit 2017 einer von aktuell 193 Höfen des Netzwerks Solidarische Landwirtschaft in Deutschland.

Schnell gelesen: Solidarische Landwirtschaft

Wer Mitglied einer Solidarischen Landwirtschaft ist, kauft mehr als nur Lebensmittel. Er transportiert mit jeder Kiste auch ein Stück Heimat, Identität, aber auch gutes Gewissen, verantwortungsvoll mit der Natur zu haushalten, nach Hause.

Solidarische Landwirtschaft ist eine Bewegung, die in den 1960er Jahren in Japan entstand und über USA nach Deutschland schwappte. Menschen verpflichten sich für einen vereinbarten Zeitraum zur garantierten Abnahme der auf dem landwirtschaftlichen Betrieb erzeugten Produkte und schaffen damit für den Landwirt Planungssicherheit und garantieren ihm ein festes Einkommen. Im Gegenzug haben sie Einblick in die landwirtschaftlichen Abläufe und die Chance, mitzugestalten. In jedem Fall aber absolute Regionalität, Saisonalität, Frische der Lebensmittel und die Gewissheit, Grund und Boden zu kennen, auf dem ihre Lebensmittel produziert werden.

Schafe in einer Solidarischen Landwirtschaft.

Die Schafe der SoLaWi Weidenhof fühlen sich in großen Foliengewächshäusern wohl.

Wir machen einen Bio-Bauernhof

2012 starteten Anke und David Goertsches gemeinsam mit Martin Ulowetz am westlichen Rand der Lüneburger Heide auf 61 Hektar Acker, Weideland und Wald, um daraus einen Biobauernhof zu machen. Für sie, die nicht von landwirtschaftlichen Betrieben stammen, ist das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft Mittel, auf einem eigenen Hof zu wirtschaften. Die landwirtschaftlichen Anfänge des Dreiergespanns der SoLaWi Weidenhof, deren erklärtes Ziel ökologische Landwirtschaft und Tierwohl ist, waren abenteuerlich.

Vergleichszahlen zur Kalkulation ihrer Betriebskosten und zur Berechnung der Mitgliedsanteile gab es nicht.  Heute leben in Lünzen sieben Menschen von dieser Art der Landwirtschaft, 200 Mitglieder verhelfen ihnen mit ihren Monatsbeiträgen zu einem regelmäßigen Auskommen und der Möglichkeit, verantwortlich mit den Ressourcen der Natur zu wirtschaften. Mithilfe ihres Anbauplans versuchen die Weidenhöfler während des Jahres eine relativ konstante Menge an Gemüse, Kräutern, Eiern und Fleisch zu liefern.

„Wir wollen jede Woche bunt liefern“, so ihr Anspruch. Natürlich jahreszeitlich bedingt. Im Winter wachsen in den großen Gewächshäusern Postelein- und Feldsalat. Im Sommer gibt es Tomaten, Gurken, Chilis und diverse Sorten an Salaten. Von Anfang an war ihr Ziel, 60 verschiedene Gemüsekulturen anzubauen, dazu kommt die Sortenvielfalt. Mittlerweile gibt es 30 Salers-Rinder, 30 Mutterschafe, drei Hütehunde, 230 Hühner, vier Ziegen, fünf Gänse, kleine und größere Folienhäuser und deutlich mehr Anbaufläche als in den Anfängen.

Der Beruf des Landwirts ist ein besonders schöner. – Frank Lütjen –
Feldsalat in einem Folientunnel

Im Winter wachsen in den großen Gewächshäusern Postelein- und Feldsalat.

Ein Bauer steht draußen vor einem Folientunnel zum Gemüseanbau.

Der 42 Quadratmeter große Folientunnel von Frank Lütjen steht mittlerweile fertig in der SoLaWi Moorbirke bei Worpswede.

Gemüse in einer "Überraschungskiste"

Der gelernte Gärtner Frank Lütjen bewirtschaftet in Überhamm bei Worpswede im Nebenerwerb einen Hektar des elterlichen Milchviehbetriebs für den Anbau von Gemüse in der Solidarischen Landwirtschaft. Während des ersten Jahres sammelte er viele Erfahrungen, erlitt einige Rückschläge und hatte mehr als reichlich Arbeit. Auch sein Ziel ist eine bunte, abwechslungsreiche Kiste mit Gemüse, Obst, Eiern, Marmelade, Saft und Fleisch für seine „Mitlandwirte“.

„Alles, was ich produziere, ist für die Mitglieder“, sagt er voller Stolz. Von Anfang an wirtschaftete er nach Bioland-Kriterien, die Bio-Zertifizierung aber steht noch aus. Jeden Donnerstag kommen die Mitlandwirte, um sich ihr Stück Heimat im Fahrradanhänger nach Hause zu holen. „Das ist jedes Mal wie eine Überraschungskiste, denn man weiß vorher nie, was drin ist“, beschreibt Lütjen die Abhängigkeit vom saisonalen Angebot. Aufgrund des extrem trockenen Sommers musste Frank Lütjen einen Teil seiner Kulturen stark bewässern. Ernteeinbußen gab es bei den Kulturen, die nicht bewässert wurden. Trotzdem, so Lütjen, bekamen seine Mitglieder reichlich Gemüse.

Ein Hahn kommt mit seinen Hühnern aus dem Stall.

Kikerikiiii!

Wir sind keine Gutmenschen

Wünsche über Bewirtschaftung und Anbau dürfen die Mitglieder bei den regelmäßigen Treffen äußern, die letzte Entscheidung aber treffen immer die Landwirte. Mitglieder und Landwirte wirtschaften in der Solidarischen Landwirtschaft zwar gemeinsam, aber die finale Entscheidung liegt in den Händen der jungen Bauern. Hier steht dann doch Kompetenz vor Mehrheit. „Ich mache es so, wie ich es richtig finde“, sagen der Landschaftsgärtner und studierte Agrarwissenschaftler David Goertsches wie auch Frank Lütjen ganz pragmatisch. Nicht so gut funktioniert haben im letzten Jahr in Überhamm die „Mitarbeitstage“. Frank Lütjens Hilferuf für das Unkrautjäten verhallte da ziemlich ungehört.

„Wir sind keine Gutmenschen“, das betonen Anke und David Goertsches immer wieder. Trotzdem aber wollen sie mit ihrer Art zu leben und zu wirtschaften die Welt ein Stückchen besser machen. Das Konzept der solidarischen Landwirtschaft kommt ihnen da sehr entgegen.

Wohnhaus auf dem Hof einer Solidarischen Landwirtschaft

Regional, kein Handel, saisonal, ohne Verpackung

Regional, kein Handel, saisonal, null Verpackungsmüll und keine Ware, die weggeschmissen werden muss, weil sie nicht der EU-Norm entspricht. Immer aber müssen und wollen sie ihren Mitgliedern die Höhe der monatlichen Beiträge plausibel machen. So nimmt der Anteil an Kommunikationsarbeit einen nicht unerheblichen Teil ihres Tages in Anspruch.

„Lebensmittel sind wertvoll“, ist die Botschaft, die Anke Goertsches an ihre Mitglieder weitergeben will. Ihr erklärtes Ziel ist es, einen verantwortungsvollen Fleischkonsum schmackhaft zu machen. „Mit veganem Leben wird man die Tierhaltung nicht verändern. Der richtige Weg ist richtige Tierhaltung, denn die Marktwirtschaft hört nicht auf Einzelkämpfer“, sagt die Schäferin, die am liebsten das Fleisch ihrer eigenen Schafe isst, statt Tofuwurst mit Soja aus Südamerika.

Mehr über die SoLaWi auf dem HeideHof

Credits

Text und Fotos: Sabine von der Decken

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