Scheiben schießen- frühstes Schützenfest in Wettrup, Emsland
5. Februar 2018

Schützenfest, Schnaps und Mettwurst

Das erste Schützenfest im Jahr! Im emsländischen Wettrup trifft man sich zum frostig fröhlichen „Schieben schaiten“ (hochdeutsch: Scheibenschießen). Wir waren bei dieser urigen Tradition hautnah dabei – mit Schnaps und Mettwurst!

Alles auf einen Blick

Wettruper Schützenfest

Landkreis: Emsland
Einwohner: 600
Erstmals urkundlich 
erwähnt: 890

Wettruper Schützenfest Gottesdienst
Um 8 Uhr am frühen Morgen beginnt der Tag des Schieben schaiten mit einem katholischen Gottesdienst den Pastor Thomas Kick leitet. Der Pajatz Johannes Stagge sitzt in der vordersten Reihe.
Ein Bild für die Götter. Jedenfalls, wenn man an diesem kalten Freitagmorgen in der Wettruper Pfarrkirche für einen Moment den Blick von der Kanzel abwendet, wo Pastor Thomas Kick die Messe hält – und stattdessen ein Gemeindemitglied ins Visier nimmt, das vorne rechts auf der Kirchenbank Platz genommen hat. Der Mann trägt eine weiße Malerjacke und -hose, was als Dress für einen Kirchgang ungewöhnlich genug ist. Aber richtig schräg wird der Anblick durch zwei familienpizza-große Aufdrucke auf Rücken und Hintern: schwarz-rot-weiße Schießscheiben.

So selbstverständlich wie das Amen in der Kirche

Doch so selbstverständlich, wie das alljährliche „Schieben schaiten“ (hochdeutsch: Scheibenschießen) in der kleinen Emsland-Gemeinde mit einem katholischen Gottesdienst beginnt, bei dem Pastor Kick zum Gebet aufruft „für die Menschen, die heute miteinander feiern“ – so selbstverständlich findet Johannes Stagge das Outfit, in dem er steckt. Denn es kennzeichnet den 33-Jährigen als eine der wichtigsten Figuren an diesem Tag, den sogenannter Pajatz.
Laut Paragraph 4 unserer Statuten ist es meine Aufgabe, bei dem Spektakel heute für Ordnung und einen geregelten Ablauf zu sorgen. – Johannes Stagge –
Wettruper Schützenfest Pajatz
Der Pajatz Johannes Stagge bewacht die Scheibe. Mehr als fünfeinhalb Stunden muss er an seinem ungeheizten Kampfrichterplatz ausharren. Natürlich in einem Häuschen und nicht direkt neben der Scheibe.
Respekt verschafft er sich dabei mit einer Pferdepeitsche, die er nach dem Gottesdienst wiederholt auf den Asphalt knallen lässt, um die bereits jetzt ziemlich ausgelassene Menge für den nun anstehenden Umzug durchs Dorf zu einer Aufstellung in Zweierreihen zu bewegen.

Erstes Schützenfest im Jahr

Außerdem wird Stagge später als Wertungsrichter fungieren. Das bedeutet, stundenlang in einem kleinen Bretterverschlag neben der Scheibe zu hocken, und deshalb hat er vorgebeugt:
„Unter meinem Kostüm trage ich drei Pullover und vier Hosen“, erzählt er. Während die Mitglieder herkömmlicher Schützenvereine im Sommer in ihren Uniformen schwitzen, ist bei der Wettruper Variante seit jeher Frostschutz angesagt. Der jahrhundertealte und in Deutschland einzigartige Brauch findet immer im Januar statt, am Freitag nach dem Gedenktag für den heiligen Antonius – so darf sich Wettrup damit rühmen, das erste Schützenfest im Jahr zu veranstalten.
„Das Emsland war arm früher“, sagt Stagges 74-jähriger Vater Karl-Heinz, der schon viele Jahrzehnte dabei ist. „Damals sind die Leute in den Sommermonaten zum Torfstechen nach Holland gegangen. Deshalb machte so ein Fest nur im Winter Sinn.“
Scheiben schießen- frühstes Schützenfest in Wettrup, Emsland
Während die Männer maschieren fahren die Frauen mit dem Alkohol hinter den Umzug her um beim nächsten Stopp nachschenken zu können. Königspaar und Gefolge trinken natürlich ordentlich mit.

Zielwasser: Korn und Wildkirsche

Punkt 9 Uhr geht es los. Das Blasorchester Handrup stimmt den Jungbläser-Marsch an, und angeführt vom Fähnrich und dem Träger der von Blumen umkränzten Zielscheibe, zieht der etwa 150-köpfige Männertrupp zum Gemeindehaus. Dort begrüßt Bürgermeister Hermann Berning die Truppe, wünscht „ein sicheres Auge und eine ruhige Hand“. Als Zielwasser gehen Korn und Wildkirsche rum, das ist hier Grundnahrungsmittel, schließlich liegt die Schnapsbrenner-Hochburg Haselünne in unmittelbarer Nachbarschaft.
Der noch amtierende König von 2016 Dennis Drees darf beim Ehrentanz mit seiner Freundin (und Königin) Lisa ein letztes Mal die Kette mit den vielen silbernen Plaketten tragen, auf denen die Namen vorheriger Majestäten eingraviert sind.
Eine Kette bekommt auch der Pajatz. Die besteht allerdings, so will es die Tradition, aus fetten Mettwürsten. Bürgermeister Berning hängt ihm den deftig duftenden Schmuck feierlich um den Hals. Das Gemeindeoberhaupt steht voll hinter dem Jux. „Wir können hier keine großen Sprünge machen und sind froh, wenn wir unsere Straßen geflickt kriegen. Aber jeder kümmert sich, auch beim Spaß, denn manchmal muss man sich selber kitzeln, damit man was zu lachen hat.“ Und dann schwingt der Pajatz auch schon wieder die Peitsche: Abmarsch zum Landgasthaus Schrichte, wo das Schießen stattfindet.
Scheiben schießen- frühstes Schützenfest in Wettrup, Emsland

Sechs Euro – neun Schuss

Geschossen wird mit dem Luftgewehr. Und zwar aus einem Fenster des Gasthof-Saals hinaus auf eine Wiese, wo nun die Zielscheibe, da der Tross eingetroffen ist, in 42 Meter Entfernung aufgestellt wird. Jeder in Wettrup geborene volljährige Mann darf sein Glück versuchen, zahlt sechs Euro und hat dann neun Schuss. Am Ende zählt jedoch nicht das Gesamtergebnis jedes Schützen, sondern eine einzige Patrone – und zwar die, die bis zum Wettbewerbsende um 16 Uhr am mittigsten eingeschlagen ist.
So bleibt es bis zum Schluss spannend, weil jemand in der letzten Minute noch gewinnen kann. – Reinhard Kloppe –
Der Busfahrer und Nebenerwerbs-Landwirt weiß, wovon er spricht. Als 2007 der Orkan Kyrill vor dem Scheibenschießen-Termin gewütet hatte, musste er das Dach seines Hofes flicken und hatte die Teilnahme bereits abgeschrieben. „Um Viertel vor vier habe ich zu meiner Frau gesagt, du, ich fahre doch noch schnell hin. Und dann hat einer der Schüsse so gepasst, dass ich plötzlich König war.“
Wettruper Schützenfest viel Hochprozentiges
Wettruper Schützenfest 42 Meter entfernte Zielscheibe
Wettruper Schützenfest 42 Meter entfernte Zielscheibe
Während die einen ihr Glück beim Schießen probieren, suchen die Wartenden ihr Glück im Kartenspiel zum Zeit vertreib. Auch hier geht es ums Geld.
Also lassen sich die Männer im Saal eine Menge Zeit. Man holt eine Runde Bier nach der anderen oder sitzt zurückgelehnt an Tischen und spielt Karten. Wer das Gefühl hat, jetzt sei sein Zeitpunkt gekommen, steht auf, setzt sich vor das offene Fenster, kippt nochmal einen Korn, stützt den Gewehrlauf auf einen Stapel aus Eierkartons und drückt ab. Sollte anschließend der Pajatz seine Peitsche aus dem Holzverschlag halten, bricht Unruhe aus. Denn dann hat jemand besser getroffen als alle anderen zuvor – und wird unter großem Gejohle gefeiert. Er könnte schließlich am Ende der neue König sein.
Ein entspannter Spaß das Ganze – nur für einen nicht: den Pajatz. Mehr als fünfeinhalb Stunden muss er an seinem ungeheizten Kampfrichterplatz ausharren. Er sieht nicht, wann geschossen wird, den Kopf raushalten und Richtung Schießplatz gucken wäre viel zu gefährlich – er blickt starr auf die Scheibe. Dabei muss er quälende Phasen der Langeweile ertragen und gleichzeitig hochkonzentriert bleiben.
Das Amt des Pajatz
Wer diesen anstrengenden Job übernimmt, muss auch noch dafür bezahlen, denn das Amt wird versteigert, immer am zweiten Weihnachtstag.
Es hat mich 800 Euro gekostet, soviel ist noch nie dafür geboten worden. – Johannes Stagge –
sagt Pajatz Johannes Stagge mit einer Mischung aus Stolz und Kopfschütteln. Wie konnte das passieren? „Der Alkohol. Sonst wäre ich beim Bieten wohl eher ausgestiegen.“
Die Wirkung des Hochprozentigen wird auch gern als Vorwand genommen, um gegen Ende des Schießens ein wenig Wettbewerbsverzerrung zu betreiben. „Die könnten schon schneller“, verrät Holger Borchert, „aber das sind wahrscheinlich Freunde desjenigen, der zuletzt am besten getroffen hat – und die wollen seinen Sieg über die Zeit retten.“ Egal, das kennt man auch von anderen Sportarten, und so schreitet weder der Schießwart ein, noch müssen die Männer mit den roten Schleifen ran. Sie heißen hier nicht Security, sondern Wamsklopper und sind zur Stelle, wenn es wirklich mal Ärger geben sollte.
Wettruper Schützenkönig 2017 Clemens Lampen
Am Ende freuen sich aber alle für Clemens Lampen, dessen bester Schuss die Nadel im Zentrum der Scheibe gestreift hatte. Doch statt sich lange hochleben zu lassen, eilt der 28-jährige Tischler sofort nach Hause, denn in seinem Elternhaus beginnt nun der Stress: Es müssen in Windeseile Brote geschmiert werden, weil schon bald die ganze Schützengesellschaft anrücken wird, um die durchlöcherte Scheibe an der Hauswand anzubringen. Vor dem Walzer, den der neue König mit Freundin Christa unter dem Ahornbaum vorm Haus tanzen wird, hat er auch ein wenig Bammel.

"König von Wettrup"

Wettruper Schützenkönig Königsschuß
König Clemens Lampen begutachtet seinen Königsschuß

Ein Jahr mit Privilegien

Doch danach wartet eine Zeit mit Privilegien auf ihn. „König in Wettrup“, sagt er, "das kommt gleich hinter dem Bürgermeister.
Da darf man sich ein ganzes Jahr lang dumme Sprüche am Stammtisch leisten. Davon werde ich ausgiebig Gebrauch machen. – Clemens Lampen –
Credits

Text: Uwe Rasche
Fotos: Janina Rahn

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