Leben_Schallplatten
7. Februar 2018

Runde Sache in Diepholz

Wer Schallplatten liebt, hat bestimmt auch eine LP „Made in Diepholz“ in seiner Sammlung. Das Traditionsunternehmen Pallas presst Langspielplatten in feinster Klangqualität.  

Alles auf einen Blick

Diepholz

Landkreis: Diepholz
Einwohner: 17.000
Erstmals urkundlich 
erwähnt: 890

Stählerne Ungetüme

Man fühlt sich ein bisschen wie auf einem Rock-’n’-Roll-Konzert: Es ist laut, druckvoll – und man kommt ganz schön ins Schwitzen. Stählerne Ungetüme aus den 70er-Jahren fauchen und zischen, es herrschen Temperaturen wie in einer Backstube. Ein Besuch im Industriemuseum? Keineswegs. Wir sind in einer höchst lebendigen Hochburg der weltweiten Schallplatten-Produktion gelandet: im Vinylpresswerk der Pallas GmbH in Diepholz.
Pallas-Group Vinyl
Hier wird wieder malocht wie zu den Zeiten, als es noch keine CD gab und man Streaming für Science-Fiction gehalten hätte. „Unsere Maschinen laufen an fünf Tagen die Woche, rund um die Uhr“, sagt Geschäftsführer Holger Neuman. „Ich hätte nie gedacht, dass wir die alten Dinger noch einmal so quälen müssen.“ Nicht nur der Pallas-Chef, sondern die gesamte Tonträgerbranche wurde vom fulminanten Comeback des Vinyls überrascht. Vor zwei Jahrzehnten für mausetot erklärt, beschert die Schallplatte der deutschen Musikindustrie wieder explosive Umsatz-Zuwächse.
Ich hätte nie gedacht, dass wir die alten Dinger noch einmal so quälen müssen. – Holger Neuman –
Pallas Chef Holger Neuman

Nostalgische Rebellion sei Dank!

Der Grund: Als nostalgische Rebellion gegen den digitalen Overkill entdecken viele die gute, alte LP wieder. Der Klang erscheint natürlicher und wärmer als jene glasklaren Töne, die von einem Datenstrom aus Nullen und Einsen erzeugt werden. „Die Plattenfirmen bringen heute neun von zehn neuen Alben auch als LP auf den Markt“, bestätigt Holger Neumann. Während der umsatzschwächeren Zeiten, als nur noch kleine Independent-Labels und scratchende DJs Vinyl wollten, lief bei Pallas eine einzige Maschine im Einschicht-Betrieb. Inzwischen sind 85 der insgesamt 130 Pallas-Mitarbeiter wieder mit der Herstellung von Schallplatten beschäftigt – eine aufwendige, mit viel Handarbeit verbundene Prozedur.
Galvaniker Andreas Piton
Galvaniker Andreas Piton ordnet „Mütter“ und Matrizen den entsprechenden Aufträgen zu.
Pallas-Group Schallplatten Maschine
Nach dem Pressen versenken Saugnäpfe die fertige Platte sofort in eine Hülle aus Papier.
Schallplatten-Produktion Pallas
Seit dem Comeback des Vinyls wachsen bei Pallas die LP - Türme wieder wie in vor-digitalen Zeiten. Allein im letzten Jahr lag die Produktion bei 5 Millionen Scheiben.
Tradition in 3. Generation
Die Pallas GmbH in Diepholz wurde 1948 von dem zuvor in Berlin lebenden Militärattaché Karl Neumann gegründet, dessen Frau die Kriegsjahre in Diepholz verbracht hatte. Seit 2003 führt in dritter Generation Holger Neumann die Geschäfte. Das Unternehmen achtet seit Jahrzehnten auf eine umweltschonende Produktionsweise, betreibt eine hochmoderne Abwasseranlage und führt Abfallmaterialien weitmöglichst in den Fertigungskreislauf zurück. Auch gemeinnütziges Engagement gehört zur Firmenphilosophie. So unterstützt Pallas die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger und fördert Musikinitiativen wie das Rockfestival „Watts Up“ in Cuxhaven oder den Verein „Jazz Folk Classic“ in Syke.

Made in Diepholz

Die aufwendige Qualitätskontrolle ist der Grund, warum das Diepholzer Unternehmen bei Interpreten, Studios und Hi-Fi-Fans weltweit einen exzellenten Ruf besitzt. So prangt etwa auf dem Album „Psychedelic Pill“ von Neil Young ein großer Sticker mit der Aufschrift „Pressed at Pallas“. Auch bei Plattenrezensionen von Fachmagazinen oder wenn in Internetforen über perfekten LP-Klang diskutiert wird, taucht „Made in Diepholz“ stets als Garant für besondere Sorgfalt bei der Herstellung auf.
Neben Neuerscheinungen von Bands wie Foo Fighters oder dem deutsch-amerikanischen Rapper Casper sind es viele Wiederveröffentlichungen (sogenannte Reissues), mit der die Plattenfirmen Pallas betrauen. So lässt das kleine, auf eine konsequent analoge Produktionskette setzende Label „Speakers Corner“ seine hochwertigen Klassik-, Jazz- und Rockaufnahmen aus vordigitaler Zeit ausschließlich bei Pallas fertigen. Aber auch Großaufträge, mit denen man sammelnde Altrocker in der ganzen Welt glücklich macht, werden in Diepholz gestemmt.

Über die Schulter geschaut:

Pallas produzierte in den vergangenen Jahren opulente Box-Sets von den Rolling Stones, Dire Straits oder Metallica. Und auch die gesamte globale Auflage der von Gitarrist Jimmy Page neu bearbeiteten Led-Zeppelin-Reissues wurde in der niedersächsischen Kreisstadt gepresst. Eigentlich könnten im Kreis der letzten fünf großen Presswerke in Europa, zu denen Pallas gehört, aufgrund des unerwarteten Revivals der Schallplatte permanent die Sektkorken knallen. Doch es gibt ein Problem: Der Boom muss mit Maschinen bewältigt werden, die fast ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben.
Metallica Pallas Vinyl
Es gibt keine Ersatzteile. – Holger Neuman –
„Es gibt keine Ersatzteile“, sagt Holger Neumann, „man muss sie teuer anfertigen lassen. Deshalb ist jedes Presswerk permanent auf der Suche nach ausrangierten Maschinen, die man irgendwo im Ausland aufkauft und dann nach und nach ausschlachtet.“ Da man aber auf solche Zufallstreffer nicht dauerhaft bauen kann, hat Neumann etwas getan, womit er in der Branche einen Coup gelandet hat: Gemeinsam mit einem Ingenieur aus dem nahe gelegenen Örtchen Drebber ließ er fünf neue Maschinen entwickeln, die erst vor Kurzem ihren Betrieb aufgenommen haben. Eine weise Entscheidung. „Sie erhöhen nicht nur unsere Kapazitäten, sondern arbeiten auch energiesparender und viel leiser“, sagt Neumann.
Es wird also künftig nicht mehr ganz so laut gerockt in der Pallas  -„Backstube“, aber dafür wird es noch sehr lange feine Scheiben „Made in Diepholz“ geben.
Schallplatten Made in Diepholz
Credits

Text: Uwe Rasche
Fotos: Philipp von Ditfurth

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