Hexe-Himmel-Besen-Mond-AdobeStock
2. Januar 2019

Bräuche und Mythen um den Jahreswechsel in Niedersachsen

Die Rauhnächte

Dunkle Mächte und sprechende Tiere: Die Rauhnächte, die zwölf Tage nach Weihnachten, sind traditionell eine Zeit voller Aberglauben, Magie und geheimnisvollen Regeln. Wir erzählen euch ein bisschen darüber...

Mythen und besondere Rituale

Uralte heidnische Mythen der Kelten und Germanen treffen auf christliche Rituale: Zum Jahreswechsel sind mit den Rauhnächten überlieferte Bräuche auch in Niedersachsen fest verwurzelt. Ihre Ursprünge liegen lange zurück. Die Kelten etwa verehrten die Natur mit ihren Bäumen, Flüssen und Bergen in besonderen Ritualen. In der Zeit „zwischen den Jahren“ vom 25. Dezember bis zum 6. Januar gab es für sie besonders heilige Nächte - die Rauhnächte.

Auf einem Tisch liegen Tarotkarten und es brennt eine Kerze in der Dunkelheit.

Zwölf heilige Nächte

Dunkelheit, Wintersonnenwende und tief verwurzelte Mystik: Ein Jahr erschien den Kelten sinnbildlich wie ein einziger Tag, mit Morgen, Mittag, Abend und Nacht. Entsprach der hellste und längste Tag des Jahres, die Sommersonnenwende im Juni, dem Mittag, liegen die Rauhnächte in der tiefsten Nacht. Als Schalttage fiel die Zeit zudem aus dem keltischen Kalender, denn der legte nicht das Sonnenjahr zugrunde, sondern zählte exakt zwölf Monde als Monate. Die Rauhnächte befanden sich somit außerhalb der normalen Zeit, „zwischen den Jahren“. Und machten den Menschen große Angst: Nach keltischer Vorstellung entstand beim Übergang vom alten ins neue Jahr ein zeitlicher Spalt, eine Art Zwischenraum zwischen dem, was geschehen ist und dem, was kommen wird. Die Grenze zwischen diesen „Anderswelten“ und der Welt der Menschen war nach altem Glauben in den Rauhnächten offen: Rastlose Seelen und Geister, Hexen, Teufel und andere schaurige Wesen aus dem Jenseits trieben nun ihr Unwesen auf der Erde. Das Wahrsagen hatte Hochkonjunktur – und hat es bis heute, etwa beim Bleigießen zu Silvester. Bemühten sich keltische Schamanen, Weise und Magier, Kontakt zur Welt der Toten aufzunehmen, schützten sich die Menschen mit überlieferten Ritualen vor Unheil. Bis heute sind folgende Mythen und Bräuche – und viele weitere – zu den Rauhnächten überliefert:

Weiße Wäsche hängt draußen auf einer Wäscheleine

Keine weiße Wäsche waschen

Da vor allem in der Mitte der Rauhnächte die „Wilde Jagd“, angeführt von Odin oder Wotan und Frau Holle, ihr Unwesen treibt, darf in dieser Zeit keine weiße Wäsche auf der Leine hängen. Stürme entstehen rund um den Jahreswechsel nämlich, weil beide durch die Luft sausen. Die tobenden Kräfte könnten sich an der Wäsche verfangen oder gar ein Stück als künftiges Leichentuch mitnehmen. Um die Wilde Jagd milde zu stimmen, legte man Brot, Kuchen oder Reste vom Festmahl vor die Haustür oder unter Obstbäume. Vertrieben werden sollten diese und andere Unholde zu Silvester mit Krach – eine Tradition, die sich mit Feuerwerk und Böllern bis heute gehalten hat.

Schreckensgeläut und Hexen erkennen

Sonnenstrahlen scheinen auf die Sitzbänke in einer Kirche.
In der Heiligen Nacht, so glaubte man, haben Geister und Hexen besondere Macht. Um sie abzuschrecken, läuteten an diesem Abend die Kirchenglocken von Anbruch der Dunkelheit bis Mitternacht. Wer in der Christmette auf einem Schemel aus neunerlei Holz saß, konnte Hexen erkennen. Auch eine dünne Holzscheibe war hilfreich: Sah man hindurch, erschienen die Hexen mit ihrem typisch spitzen Hut mit dem Rücken zum Altar sitzend.

Sprechende Tiere

Zwei Ziegen in einem Stall.
Um Mitternacht mancher Rauhnächte – in Überlieferungen wird vor allem die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember genannt – können die Tiere im Stall der Legende nach die menschliche Sprache sprechen. Sie reden dann über die Zukunft und über die kommenden Toten. Abergläubische meiden bis heute in dieser Zeit den Stall: Wer die Tiere sprechen höre, werde unmittelbar danach sterben, heißt es.
Ein Baby liegt in einer Decke auf dem Bauch seines Vaters.

Geburt in den Rauhnächten

Nicht nur, dass die zwölf Rauhnächte die zwölf kommenden Monate symbolisieren. Auch den Kindern, die in den heiligen Nächten das Licht der Welt erblickten, wurden besondere Eigenschaften nachgesagt: Die Niederkunft  an einem Sonntag bringe ein glückliches, an einem Montag ein kluges und an einem Donnerstag ein zorniges Kind hervor. An einem Samstag Geborene hätten übersinnliche Fähigkeiten und könnten mit den Toten in Kontakt treten. War der Himmel dunkel, drohte die Geburt eines Bösewichts. Bei Kinderwunsch empfahl es sich, an Weihnachten Apfelbäume zu schütteln und zu umarmen. Doch Achtung: Väter von Babys sollten in den Rauhnächten von Mittag bis Mitternacht immer in deren Nähe bleiben, damit die Kleinen nicht von Dämonen ausgetauscht werden können und stattdessen ein „Wechselbalg“ zurückgelassen wird.

Besen

Haus und Leben aufräumen

Da sich böse Geister gern in Unrat und Unordnung festsetzen, gilt es in den Rauhnächten, Haus und Leben aufzuräumen. Geliehenes ist zurückzubringen, Verliehenes sollte man sich wiedergeben lassen. Räucherrituale zur Reinigung waren und sind ebenfalls üblich. Besonders wichtig war das Großreinemachen vom 5. auf den 6. Januar, der letzten Rauhnacht. Von diesem Aufräumen stammt wohl auch der bis heute vielfach befolgte Brauch, den Christbaum am 6. Januar abzuschmücken und aus dem Haus zu werfen. Gute Geister lassen sich für das kommende Jahr in der letzten Rauhnacht übrigens besonders wirkungsvoll beschwören: Die bösen Geister verschwinden dann durch das weit geöffnete Fenster, die guten kommen ins Haus und bleiben mit etwas Glück das nächste Jahr lang da.

 

Hexe mit roten Haaren
Hildesheimer Innenstadt im Dunkeln
Kostümführung „Vorsicht: Rauhnächte!“ durch Hildesheim

Von diesen und vielen anderen Bräuchen und (Schauer-)Geschichten berichtet die Hildesheimer Kostümführung „Vorsicht: Rauhnächte!“. Sie beginnt am 4. Januar 2019 um 19 Uhr am Kehrwiederturm, dauert rund 90 Minuten und kostet 8 Euro pro Person. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Kostümführerin Susanne Kiesel und ihre Kolleginnen und Kollegen von der Hildesheimer Kostümführergilde nehmen Interessierte regelmäßig mit auf Themen-Touren durch die Stadt. Sie erzählen in der Sprache der jeweiligen Zeit und sind als eine von 40 historischen Figuren immer passend zu Thema und Epoche gekleidet. Etwa als Magdalene Kiffle, die temperamentvolle, streng katholische und gleichsam abergläubische Frau mit feuerrotem Haar, die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Hildesheim lebte und Steine klopfte, um die Familie durchzubringen: Beim Milchkauf betrogen, verflucht sie die Verkäuferin, und als diese tatsächlich verrückt wird, bezichtigt man sie der Hexerei und unterzieht sie qualvoller Folter. „Magdalene Kiffle sind die Gebräuche in den Rauhnächten sehr wichtig“, erzählt Susanne Kiesel, „zu nah ist der Leibhaftige. Magdalene hat deswegen immer etwas Weihrauch, geweihtes Wasser und Salz dabei.“

 

Blitze im Himmel
Credits

Text: Anke Benstem

Fotos: Bettina Reese, Pixabay, AdobeStock

Weitere Artikel

Ratgeber

Frühjahrsputz im Schnelldurchlauf

Frühjahrsputz! Wir feudeln uns durch Niedersachsens Wohnungen und zeigen euch Tipps & Tricks wie´s schneller geht.

Fruehjahrsputz_Schwamm_Krokus_Buerste
Zum Artikel
Ratgeber

Entschleunigen im Gemüsebeet

Selbst gärtnern ist angesagt. Doch wie baut man als blutiger Anfänger Gemüse an? Wir verraten es euch!

Zucchini Ernte Garten Rezept
Zum Artikel