Maennernaehkurs_Heiligenloh_Naehmaschine_Matthieu
14. März 2018

Männer an die Maschine

Männer-Nähkurs in Heiligenloh

Nähen ist in. Immer mehr Frauen entdecken das Hobby für sich. Dass aber auch Männer in ihrer Freizeit an den Maschinen sitzen, ist noch immer etwas Besonderes. Wir haben einen Nähkurs für Männer besucht.

Alles auf einen Blick

Heiligenloh

Landkreis: Diepholz
Einwohner: 1.100
Erstmals urkundlich 
erwähnt: 1252

Nähkurs für Männer in Heiligenloh
Sitzt die Naht? Wie stecke ich den Stoff richtig ab? Diese Fragen beantwortet Tina Lehmkuhl Frauen und auch Männern in ihren Nähkursen.
Das einen Meter lange Lineal liegt gerade. Mathieu Knickmann beugt sich, den Stift in der rechten Hand, ganz nah heran an den Längenmesser. Säuberlich zieht er einen kleinen Strich - auf den Millimeter genau. Fragend blickt er zu Tina Lehmkuhl hinüber - die versucht, ernst zu bleiben. "Arbeite nie mit einem Architekten zusammen", sagt sie. "Da muss alles 100-prozentig sein." Und muss dann doch lachen. Mathieu Knickmann, 33 Jahre alt, plant hier aber gerade nicht ein neues Gebäude, sondern ein Kissen. 40 mal 40 Zentimeter soll es groß sein, heller, fester Stoff, mit Reißverschluss. Er ist einer von zwei Herren, die den Nähkurs für Männer besuchen, den Tina Lehmkuhl seit Ende vergangenen Jahres in Heiligenloh, einem kleinen Ort im Landkreis Diepholz, anbietet.
Wir reden uns den Mund fusselig und verlieren dann den Faden. – Tina Lehmkuhl –

Trend-Hobby Nähen

Seit rund vier Jahren bringt Tina Lehmkuhl Frauen das Nähen bei. Die liegen damit im Trend: Immer mehr Menschen möchten selber individuell gestalten, hat Lehmkuhl beobachtet. Google gibt ihr Recht: Mehr als 32 Millionen Ergebnisse liefert die Suchmaschine zum Stichwort Nähen. Blogs, Online-Tutorials, Facebook-Gruppen und im realen Leben Stoffläden und Nähbücher schießen, so ihr Eindruck, wie Pilze aus dem Boden.

Dass sie mit ihren Nähkursen Frauen anspricht - keine Frage für Tina Lehmkuhl. Dass aber auch Männer an die Maschinen wollen, hatte sie zunächst nicht mit eingeplant. Zufällig ins Gespräch gekommen, sagte Mathieu Knickmann zu ihr: Biete doch mal einen Männer-Nähkurs an - wenn Du nicht genug Plätze besetzen kannst, mache ich auch mit. Nun ist er dabei.

Tine Lehmkuhl bietet Männern in Heiligenloh Nähkurse an.
Tina Lehmkuhl bietet nicht nur Nährkurse an, sondern ist auch sonst kreativ: Das alte Gitterbett ihres Sohnes hat sie mithilfe von zwei Palletten und vielen Kissen zu einem gemütlichen Sofa verwandelt.
Kontakt

Tina Lehmkuhl

Telefon: 0172 4225768

Nähkurs für Männer in Heiligenloh
Männer und Frauen in ihrem Kurs haben alle die gleichen Fragen: Wie breit soll die Nähtzugabe sein? Wie stecke ich den Stoff richtig ab?

Dass es - trotz gewollter Gleichberechtigung - nicht selbstverständlich ist, dass auch Männer aus Spaß an der Nähmaschine sitzen, ist klar. "Ein paar derbe Sprüche in meinem von Männern dominierten Büro muss ich schon aushalten", sagt der 33-Jährige. Und der zweite Teilnehmer erzählt, dass er schon einmal einen Nähkurs besucht hat - doch die Leiterin habe fast alles für ihn gemacht. Fehlendes Vertrauen in die Fingerfertigkeit? Vielleicht.

Dabei, sagt Tina Lehmkuhl, gebe es keinen großen Unterschied zwischen Männern und Frauen in ihrem Kurs. "Sie haben alle die gleichen Fragen." Wie breit soll die Nahtzugabe sein, wie stecke ich den Stoff richtig ab, und welche Seite ist eigentlich links und welche rechts? Trotzdem: Vor ihrem ersten Kurs für Männer war sie unsicher. "Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen."

Nähkurs für Männer in Heiligenloh

Nähen liegt in den Genen

Mathieu Knickmann sagt, dass ihm das Nähen in den Genen liegt. Beide Großmütter waren Schneiderinnen. "Und mein Vater hat sich auch viel selber genäht. Passt auch irgendwie - er ist Strippenzieher - Elektriker.
Sowieso, sinnieren Tina Lehmkuhl und Mathieu Knickmann, das Nähen ist im Sprachgebrauch präsent. "Wir reden uns den Mund fusselig und dann verlieren wir den Faden."


Zum ersten Mal an der Nähmaschine saß Mathieu Knickmann in der Schule - im Fach Textiles Gestalten. Einen weiteren Berührungspunkt gab es dann auf der Fachoberschule für Gestaltung. Weil die Plätze in der Fachrichtung Architektur besetzt waren, schrieb er sich zunächst für Modedesign ein und wechselte nach ein paar Wochen.

Meine Großmütter waren Schneiderinnen. Mein Vater ist Strippenzieher - das passt. – Mathieu Knickmann –

Der Wunsch, wieder zu nähen, hatte für den 33-Jährigen dann einen ganz praktischen Hintergrund: "Ich wollte kaputte Sachen heile flicken." Zwei kleine Kinder hat er - das sind eine Menge Löcher im Kniebereich der Hosen. Nicht sofort wegschmeißen, sondern erhalten, etwas mit den eigenen Händen schaffen - das scheint auch Trend zu sein. Dazu passt, dass Mathieu Knickmann einen 60 Quadratmeter großen Nutzgarten hat. "Von den geernteten Kartoffeln essen wir immer noch."


Erhalten - das ist auch ein Stichwort für Tina Lehmkuhl. Nachdem sie ihre Nähkurse zunächst im Dorfgemeinschaftshaus, in der Turnhalle und in ihrem Bauwagen angeboten hatte, mietete sie im vergangenen Jahr die Henckemühle in Heiligenloh. Die 1366 erbaute ehemalige Wassermühle liegt mitten im Wald, direkt am kleinen Fluss Beeke. Bis vor einigen Jahren war sie Jugendtreff, dann passierte eine Zeitlang nichts in dem Gebäude. Tina Lehmkuhl machte das dreistöckige Gebäude in Eigenregie wieder fit, will mit ihrem kleinen Kulturhaus einen Treffpunkt bieten - zum Nähen, zum Gestalten, zum Klönen. Lettering, Omas Küche und Kreativwerkstatt sind einige ihrer Angebote.

Taschen und Kissen selbst nähen.
Tina Lehmkuhl hofft, dass mehr Männer den Mut haben, ihren Kurs zu besuchen. "Ich habe jetzt schon von einigen gehört, dass sie schonmal an der Maschine saßen." Mathieu Knickmann würde sich über Mitstreiter freuen. Sein Kissen ist an diesem Abend nicht fertig geworden - über das Bügeln von Stoff und das Feststecken der Nähte ist er kaum hinausgekommen. Dafür kann er sich sicher sein: Das Kissen wird passen. Gemessen hat er schließlich ganz genau.
Credits

Text und Fotos: Charlotte Wolframm

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