Faslam_Umzug
5. Februar 2017

In Harburg wackelt der Deich

Dass wir im Norden auf Karneval stehen, ist bekannt. Dass es dabei sehr hoch hergehen kann, erlebte unser Autor auf dem Fliegenberger Faslam. Alljährlich herrscht hier vier Tage der Ausnahmezustand. Immer mit dabei: „Mudder“ und „Vadder“...

Alles auf einen Blick

Fliegenberg

Landkreis: Harburg
Einwohner: 850
Erstmals urkundlich 
erwähnt: 1.310

Dreh-und Angelpunkt des Fliegenberger Faslams

Gasthaus von Deyn

Am Himmel kreist ein Hubschrauber. An Bord: Mudder und Vadder, zwei Männer, einer davon in Frauenkleidung. Das seltsame Paar steigt in eine Kutsche und los geht´s.
Fliegenberger Faslam Trecker

Ein echter Feiermarathon

Der viertägige Feier-Marathon mit allnächtlicher Party, Pommes-Essen für die Kinder und Prämierung der schönsten Umzugswagen findet immer eine Woche vor Rosenmontag statt. Höhepunkt ist der Sonntag, dann ziehen Trecker imposante Mottowagen am Deich hinter sich her, Fußgruppen sorgen singend und tanzend für Stimmung. Die Fliegenberger Faslamsbrüder und -schwestern lassen es dermaßen krachen, dass so manche rheinische Karnevalstruppe wie eine Kaffeekränzchen-Runde anmutet.
Fliegenberger Faslam
Der Festwagen „Aufs Huhn gekommen“ hat den ersten Platz gewonnen. Übrigens: Die riesige Pappmaché-Reiterin ist der Fliegenbergerin Sandra Speer nachempfunden. Sie hatte die clevere Idee, Eier von frei laufenden Hühnern im 24-Stunden-Automaten anzubieten.
Der Beste im Norden
Schon viele Monate vorher entwerfen die Fliegenberger ihre einfallsreichen Kostüme und schmieden Pläne für die aufwändig gestalteten Umzugswagen. Im letzten Jahr haben in der Kategorie „Fußgruppe“ übrigens die sonnigen Damen von „Über Fliegenberg lacht die Sonne“ gewonnen (rechts). Da war Nomen auch Omen. Das Wetter am Umzugssonntag zeigte sich von seiner besten Seite. Und in diesem Jahr erinnern wir den Wettergott natürlich wieder daran, sich auf dem Fliegenberger Faslam ordentlich zu benehmen. 
Fliegenberger Faslam Supermario
Fliegenberger Faslam Gewinner Fußgruppe Über Fliegenberg lacht die Sonne
Was wollen wir trinken – sieben Tage lang? So ein Durst!
„Wir müssen aufhören, weniger zu trinken, wir brauchen viel mehr Alkohol“, grölen schwarz gekleidete Sonnenbrillenträger von einem Wagen herunter. „Wir prickeln stärker als ihr denkt!“, versprechen als Sektflaschen verkleidete Frauen auf ihren grün-roten Kostümen. Und wenn die gold-schwarzen Glitzerladys unter dem Motto „40 Jahre Boney M.“ ihre Tanzeinlagen zu „Daddy Cool“ und Co. erledigt haben, stürmen sie sofort mit giftgrünen Flaschen auf die Zuschauer am Wegesrand zu und fordern: „Wo sind eure Gläser?“

Da steigt der Pegel am Deich

Den Pegel am Deich derart steigen zu lassen, hilft zwar gegen den schneidenden Wind, ist aber vor allem authentische Brauchtumspflege. Denn seinen Ursprung hat der Faslam, dessen Name wohl auf „Faselabend“ zurückgeht, im Besäufnis.
Fliegenberger Faslam Eier werden traditionell geschnorrt
Fliegenberger Faslam Schnaps, Bier und Eier
So sollen Fliegenberger Bauernknechte im 19. Jahrhundert an ihrem einzigen freien Tag im Jahr lärmend von Haus zu Haus gezogen sein, um Schnaps, Eier und Schinken zu schnorren. Später nahmen sie Musikinstrumente mit auf die alljährliche Dorftour, und irgendwann ließ man sich auf Kutschen von Pferden ziehen: Der Umzug war geboren und ist bis heute fester Bestandteil der „tollen Tage“.
Gern gegeben, gern genommen
An den Haustüren der Dorfbewohner schnorren die übernächtigten Fliegenberger Faslamsbrüder am Tag nach dem Umzug vor allem Eier und Schnaps – wie schon ihre Vorfahren vor mehr als hundert Jahren. Und wer genau hinschaut, kann auf dem weißen Sweatshirt (rechts) die vier Faslams-Disziplinen entdecken. Die geschnorrten Eier gibt’s abends hart gekocht im frisch gefeudelten Gasthaus von Deyn. Dann heißt es wieder – wie schon in den Nächten zuvor –Paaaaaaaadie!
Am nächsten Tag wird geschnorrt. Mit am Unterarm baumelnden Bastkörben zieht ein Tross um Mudder und Vadder durchs Dorf, klingelt an jeder Tür. Mal gibt es einen Karton Eier, mal einen „Heiermann“ (Fünf-Euro-Schein), mal eine Flasche Weizenkorn.
Fliegenberger Faslam Karneval Umzugswagen
Fliegenberger Faslam Muddi und Vadder
Die Erziehungsberechtigten „Vadder“ Torben Helmke und „Mudder“ Alexander Markurland beim Schwof und bei der Freiwilligen Feuerwehr auf der Eiersammel-Dorftour am Montag.
Fliegenberger Faslam, Hühner Power!
Hühner Power!
Fliegenberger Faslam Pommes rot-weiß und Bonbons
Pommes-rot-weiss und Bonbons für die Kleinen. Was oben nicht mehr reingeht, bleibt unten liegen.
Fliegenberger Faslam Festschauplatz saubermachen
Nach der Party ist vor der Party!
Faslamsbruder bleibst du dein Leben lang, das ist wie in einer Motorradgang, da kommst du nicht lebend wieder raus. – Hendrik Eckhoff –
Dass ansonsten ganz vernünftige Menschen jedes Jahr Tausende von Euro in den Jux stecken und wegen des exzessiven Feierns zwei Wochen Urlaub brauchen, scheint im Ort generationsübergreifend als selbstverständlich zu gelten. Und wenn jemand doch mal Zweifel äußert, dann haben die Dorfnarren einen Satz parat, der seit jeher jede Diskussion beendet: „Faslam mutt sien Willen häm.“ – Faslam muss seinen Willen haben!
Credits

Text: Uwe Rasche
Fotos: Patrick Ohligschläger

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