Heideschaeferei Heidelandschaft
15. August 2018

Heide, Herde, Hütehunde

Heide wohin das Auge schaut – das Pestruper Gräberfeld im Landkreis Oldenburg ist einzigartig. Damit das auch so bleibt, gibt es Heideschäfer Detlef Helmers und seine Moorschnucken. Unsere Autorin hat ihn, seine Schnucken und Hund Vin einen Tag lang begleitet.

Alles auf einen Blick

Pestrup

Landkreis: Oldenburg

Einwohner: 20

Heideblüte auf dem Pestruper Gräberfeld. Rund fünfhundert Hügelgräber aus der Bronze- und Eisenzeit hüllen sich in einen violetten Traum. Ein Schäfer zieht mit seiner Herde über die mystische Meile – Postkartenidylle! Doch Schäfer Detlef Helmers und seine wolligen Mitarbeiter sind nicht zur Freude der Wanderer und Fotografen da. Sie haben eine wichtige Aufgabe: Die Pflege und den Erhalt einer einzigartigen Kulturlandschaft.

Von Vin beschnüffelt

Hütehund Vin hat mich zuerst entdeckt. Schwanzwedelnd stürmt der Border Collie auf mich zu. Sein Begrüßungszeremoniell ist speziell – er ist ein „Augenschnüffler“. Hockt man sich hin, beschnüffelt er ganz vorsichtig, fast zärtlich, die Augen des Besuchers. „Warum er das tut, weiß ich nicht“, sagt Detlef Helmers, der jetzt ebenfalls vor mir steht und schmunzelt, „vielleicht nimmt er dadurch bestimmte Düfte oder Stimmungen wahr.“ Wie dem auch sei: Ich bin akzeptiert und darf die Beiden an diesem Tag begleiten.

Schäfer Detlef Helmers aus Pestrup mit seinem Hund Vin.
Mir macht die Arbeit viel Freude. Zumindest, solange Vin an meiner Seite ist. – Schäfer Detlef Helmers –

Von der Heide naschen

„Schafe sind scheu“, warnt der Hirte, als ich versuche, mich den Tieren mit der Fotokamera zu nähern. Schon heben einige von ihnen nervös die Köpfe. Wunderschön sehen sie aus, mit ihren sanftmütigen Gesichtern, dem langen Zottelfell und ihren zierlichen Beinen. „Das sind Diepholzer Moorschnucken“, erfahre ich. Eine genügsame, bereits vom Aussterben bedrohte Nutztierrasse, die für diesen kargen Lebensraum wie geschaffen ist.

Übrigens stammt der Begriff „schnucken“ von „naschen“. Beständig von der Heide naschend, halten die Vierbeiner das sperrige Kraut kurz und sorgen so dafür, dass es nicht überaltert und neue Triebe bilden kann. Sie fressen aber auch die mageren Gräser und Kräuter raus. Ebenso wie die aufschießenden Baumkeimlinge. „Ohne regelmäßige Beweidung gäbe es hier in fünf Jahren fast nur noch Gras, Birken, Kiefern und Eichen“, erklärt Detlef Helmers.

 

Diepholzer Moorschnucken

Liebesurlaub auf der Heide

Heide ist eine durch Menschen entstandene Kulturlandschaft. Sie erfordert gezielte Pflegemaßnahmen, damit die Fläche offen bleibt. Sonst erobert sich der ursprüngliche Wald schnell wieder sein Terrain zurück. In der Regel wird das Pestruper Gräberfeld zweimal im Jahr beweidet – von April bis Mai und von Oktober bis Anfang Dezember. Beim Zählen komme ich auf über hundert Tiere. Jetzt ist Deckzeit, die Damen haben daher Besuch von einem stämmigen Bock. Neben Fressen, Wiederkäuen und Schlafen verbringen sie also eine Art Liebesurlaub auf der Heide. Die Lämmer bleiben mit ihren Müttern erst mal in ihrem Heimatstall auf dem Schäferhof Teerling bei Diepholz in Wagenfeld-Ströhen.

Heideschaeferei Heidelandschaft im Pestruper Gräberfeld, Landkreis Oldenburg.
Heide auf der Wiese
Heideschaeferei Schäfer Detlef Helmers und seine Diepholzer Moorschnucken

Mittagspause in der Natur

Im gemütlichen Zuckeltempo geht es weiter. Ab und an sticht Helmers mit der kleinen Schaufel, die sich am Ende seines Hütestabs befindet, giftige Pflanzen aus. Auch zu viel Moos kann zum Problem werden. Es erstickt das Heidekraut. „Schön wär‘s, wenn wir mal wieder zwei Wochen knackigen Frost hätten, und dann eine Winterbeweidung“, wünscht sich Helmers. Dann würden die Schafe das harte, durchgefrorene Moos lostreten und es würde endgültig vertrocknen.

Es geht auf Mittag zu. Kleines Picknick? Der Schäfer lacht und holt einen Klumpen Käse aus der Tasche: „Ein Drittel für mich und zwei Drittel für Vin.“ Die Schafe jedenfalls haben ihre Pansen jetzt schön voll und dürfen sich ein Ruhepäuschen zum Wiederkäuen gönnen. Helmers treibt sie in ein abgetrenntes Gatter. Hier sind die Tiere sicher. Und er kann die Gelegenheit nutzen, mal kurz nach seiner zweiten Herde zu schauen. Die steht bei Dötlingen auf der Heidefläche Glaner Braut. Im Gegensatz zur Hütehaltung weiden sie dort in einem Pferch, der von Stromnetzen umgeben ist. Jeden zweiten Tag muss er den Zaun umsetzen. Dabei achtet er darauf, dass alles straff gespannt ist und keine Lücken unter dem Netz entstehen. Reine Vorsichtsmaßnahme. Der Wölfe wegen, die hier umherstreifen sollen. Einen Zwischenfall habe es bisher jedoch noch nicht gegeben.

Schafskoben für Schafe

Nur was für echte Naturfreaks

Zurück nach Pestrup. Die Damen haben ausgekaut. „Moorschnucken sind unverzichtbare Dienstleister in der Landschaftspflege von Naturschutzgebieten“, würdigt Detlef Helmers ihren Job. Die meisten Schnucken dürfen sich auf ein langes Leben freuen. Als Fleischlieferanten sind die schmalen, mageren Tiere nämlich nur bedingt geeignet.

Es dunkelt über der Heide. Schäferromantik? „Kommt drauf an, was man darunter versteht“, wägt der 48-Jährige ab. Der älteste Beruf der Welt steht im krassen Gegensatz zu unserer heutigen Lebensweise. Hier sind echte Naturfreaks gefragt, absolut „wetterfest“ und bereit, vom ersten bis zum letzten Dämmerlicht draußen bei den Tieren zu bleiben. Helmers genießt einen Luxus der anderen Art. Zeit zum Beispiel. Oder Stille. Die Arbeit macht ihm Freude, „zumindest, so lange Vin an meiner Seite ist. Und wie könnte ich unzufrieden sein, wenn hundert Schafe zufrieden sind?“ Über Nacht kommen die Schafe in einen Schafskoben auf dem Gräberfeld. Vin zeigt noch einmal, was er kann. Der dicke Holzriegel schiebt sich vor das Scheunentor. Dann dürfen auch Herr und Hund beruhigt nach Hause fahren.

 

 

Heideschaeferei Schnucken und Schäfer
Credits

Text und Fotos: Karin Peters

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