Gewoelbekeller-Goettingen-Wilhelmsplatz-Schaper
18. März 2019

Echt unterirdisch: Gewölbekeller Göttingen

Im zweiten Teil unserer Serie "echt unterirdisch" wird es heute düster! Denn Niedersachsen hat spannende Unterwelten zu bieten. Heute erforschen wir gemeinsam mit einer Archäologin die Geheimnisse von Göttingens Gewölbekellern.

Alles auf einen Blick

Gewölbekeller Göttingen

Gewölbekeller Göttingen Eingangstür
Um den Gewölbekeller in Göttingen zu besuchen, müssen sich die Besucher ducken, um in den Hintergang des Göttinger Rathauses zu kommen.

Graffitis der Gefängnisinsassen

Mit einem riesigen Schlüssel öffnet Gudrun Keindorf die hölzerne Tür an der Rückseite des Rathauses. Wir müssen uns ducken um einzutreten. Es riecht erdig, schwaches Licht erhellt die ockerfarbenen Wände und schwarzen Gitterstäbe.

In die steinernen Fundamente im Rathauskeller hat jemand Buchstaben und seltsame Schriftzeichen geritzt. Geheimnisvolle Botschaften aus der Vergangenheit? Die Archäologin schaut fragend in die Runde. Schulternzucken. „Das sind die Graffitis des Mittelalters“, erklärt sie. „Hier haben sich einst Gefängnisinsassen verewigt.“

Gewoelbekeller Göttingen Inschriften
Seltsame Einritzungen auf den Sockelsteinen im Rathauskeller. Was mag das bedeuten?
Gewölbekeller Göttingen
Nur der reichste Göttinger konnte sich diesen Gewölbekeller leisten - der Gewürzhändler.
Gewölbekeller Göttingen
Gleich daneben zeigt Archäologin Gudrun Keindorf ein gotisches Gewölbe, "statt eines Ferrari ein Oberklasse-Mercedes unter den Kellern".

Keller vom Krieg verschont

Zunächst befand sich unter dem Rathaus ein Heizungskeller. Jeden Winter stand der Feuermeister im 14. Jahrhundert hier in beißendem Rauch, damit die Ratsherren auch bei Frost Sitzungen abhalten konnten. Einen Schornstein hatte man damals nicht. Im 15. Jahrhundert baute der Rat ein moderneres Heizungssystem. Der Keller wurde zum Gefängnis.

Jeden dritten Samstag im Monat führt Keindorf Besucher durch die Geheimnisse der Gewölbekeller Göttingens. Wie sie auf diese Idee kam? „Als Archäologin ist bei mir der Drang, eine Etage tiefer zu gehen, schon genetisch verankert.“ Die Häuser rissen die Stadtbewohner im Laufe der Jahrhunderte oft ab und bauten neu, die Untergeschosse aber blieben. Die Stadt blieb im zweiten Weltkrieg von Bombardements weitgehend verschont, weshalb besonders viele wertvolle Keller erhalten sind. „Deshalb kann man noch heute aus den Kellern schließen, in welcher Zeit ein bestimmter Straßenabschnitt entstanden ist.“

Gewölbekeller Göttingen, Heizungskeller

Den ehemaligen Heizungskeller funktionierte man im Mittelalter zum Gefängnis für wohlhabende Göttinger um. Aber auch ein VIP-Knast bot nicht viel Komfort.

Keller als Zimmer für Studenten

Ein Beispiel für das Schließen der Gewölbekeller auf das alter der Straßen in Göttingen ist die Gotmarstraße - nur wenige Gehminuten entfernt. Hier steht das Künstlerhaus, unter dem hunderte Jahre Stadtgeschichte schlummern: Sein ältester Keller ist ein romanisches Kreuzgradgewölbe. Zu jener Zeit bestand das Gewölbebauen eher aus Versuch und Irrtum. „Drei von vier Gewölben stürzten ein“, weiß Keindorf.

Das bedeutete gleichzeitig, dass ein Gewölbekeller sehr teuer war, nur der reichste Mann der Stadt konnte ihn sich leisten. Zu jener Zeit war das der Gewürzhändler. In der Gotik verbesserten die Baumeister ihre Technik, die Preise sanken. Gleich nebenan hat ein späterer Besitzer hinter einem Durchgang ein solches gotisches Gewölbe angelegt. „Statt eines Ferrari-Kellers war das vom Preis dann nur noch ein Oberklasse Mercedes“, sagt Gudrun Keindorf.

Im 18. Jahrhundert kam der letzte Keller hinzu. Ein findiger Geschäftsmann vermietete in jener Zeit Zimmer an Studenten der gerade neu gegründeten Universität. Der berühmteste Bewohner des Hauses war der Begründer der Experimentalphysik, Georg Christoph Lichtenberg, der hier ein Vierteljahrhundert lebte und arbeitete. Der neue Keller war sein Refugium, das er auch fürs Experimentieren nutzte. „Hier unten hatte er alles, von Schlafgelegenheiten, über Sitzmöbel bis hin zum gut bestückten Weinkeller“, erzählt Keindorf. In der Gotmarstraße unterrichtete Lichtenberg auch Berühmtheiten wie den Weltentdecker Alexander von Humboldt und den Mathematiker C.F. Gauß. Und er empfing berühmte Zeitgenossen wie Lessing, Volta und Goethe. Heute ist Lichtenbergs berühmter Keller ein „Kinder Kunst Club“.

Gewölbekeller Göttingen
Lichtenbergs Keller. Hier empfing der berühmte Physiker Zeitgenossen wie Lessing, Volta und Goethe. Heute ist der Keller ein "Kinder Kunst Club".

Kloakenräumer, Henker und Totengräber

Ein weiterer mittelalterlicher Keller erwartet uns in der Barfüßerstraße. Mit diesem Beinamen titulierte man die enthaltsamen Franziskanermönche, die keine festen Schuhe haben durften. Die Mönche wohnten und beteten am heutigen Wilhelmsplatz, wo sich heute Verwaltungsgebäude der Universität befinden. Viele Jahrhunderte nach den „Barfüßern“ tat sich bei Bauarbeiten plötzlich ein Loch im Boden auf: Die Arbeiter hatten ein zugemauertes, unterirdisches Gewölbe aus der Zeit der Franziskaner entdeckt.

Vier Löcher befanden sich oben, schnell wurde klar: Das war der Abtritt der Mönche. „Bei 40 Bewohnern war so ein Keller nach gut einem Jahrzehnt voll“, rechnet Keindorf. „Dann rief man den Kloakenräumer.“ Im Mittelalter galt dies genau wie Henker oder Totengräber als „unehrlicher“ und verachteter Beruf. Aber weil es immer nur einen pro Stadt gab und dieser keine Konkurrenz hatte, waren die Preise für seiner Dienstleistungen entsprechend hoch.

Aus jener Zeit stammt die Redewendung „Aus S... Geld machen“. In den Plumpsklos landeten nicht nur Exkremente, sondern auch Essensreste und sonstiger Abfall. „Gibt es Aprikosenkerne, ist jedem Archäologen klar: Hier wohnte ein wohlhabender Mensch. Findet man nur Nüsse und Himbeerkerne, war dies eher ein armer Haushalt.“ Ein Abtritt ist also nicht nur für die mittelalterlichen Kloakenräumer, sondern auch für Archäologen eine wahre Goldgrube.

Gewölbekeller Göttingen
Auf dem Weg in die Unterwelt des ehemaligen Franziskanerklosters in Göttingen.
Gewölbekeller Göttingen, ehemaliger Kloakenkeller
Mittelalterliche Kloaken sind für die Archäologie wahre Goldgruben.
Gewölbekeller Göttingen
Tief unter dem Uni-Verwaltungsgebäude am Wilhelmsplatz schlummerte jahrhundertelang ein Geheimnis: Ein zugemauerter Keller, der Abtritt der Franziskanermönche.
Niedersachsens Untergrund

Ihr wollt mehr über Niedersachsens Unterwelten erfahren? Schaut mal hier:

Rituelle Waschungen

Vom Mönchsalltag im Mittelalter führt Gudrun Keindorf die Gruppe in die Moderne: Der nächste Keller stammt aus dem 19. Jahrhundert und befindet sich unter dem heutigen „Café Löwenstein“ (siehe auch unsere Ausflugstipps für Göttingen). Dort befindet sich eine echte Seltenheit, ein Bad für rituelle jüdische Waschungen.

„Diese mussten immer mit fließendem Wasser stattfinden und man nutzte sie vor allem freitags zur Sabbatreinigung“, erzählt Keindorf. Im 18. und 19. Jahrhundert änderte sich dies: Sogar Rabbis verorteten rituelle Waschungen inzwischen als Aberglauben und die meisten Synagogen schafften solche Bäder ab. Eine Minderheit aus Strenggläubigen schuf sich dieses kleine Bad im Keller einer jüdischen Kaufmannsfamilie. „Das Bad taucht nicht auf den städtischen Bauplänen auf. Es wurde also schwarz gebaut“, erzählt Keindorf.

Da rituelles Wasser nicht direkt aus Rohren kommen durfte, lief es vorher über einen Steintrog. Lange konnten die Bewohner des Hauses das Bad allerdings nicht nutzen: „Die gesamte Familie Löwenstein wurde in der NS-Zeit ermordet.“ Späteren Bewohner verwendeten es als Badezimmer und heizten das Wasser mit einer Dampfmaschine auf. Der alte Wassertank steht heute noch dort. Keine Frage: Wenn Räume aus ihrer Vergangenheit erzählen könnten, wären die Kellergeschichten die spannendsten.

Gewölbekeller Göttingen, Cafe Löwenstein
Das Restaurant Löwenstein ist heute Mittelpunkt jüdischen Lebens in Südniedersachsen und beherbergt in seinem Keller ein rituelles Bad.
Gewölbekeller Göttingen, Cafe Löwenstein, rituelles Bad
Das rituelle Wasser darf nicht direkt aus der Rohrleitung kommen, sondern muss zuerst über Stein laufen.
Gewölbekeller Göttingen, Cafe Löwenstein, rituelles Bad
Im Keller des Restaurant Löwenstein in Göttingen hat sich ein jüdisches Ritualbad aus dem 19. Jahrhundert erhalten.
Infos: Gewölbekeller Göttingen

Die öffentliche Führung „Ein Gang durch Göttingens Unterwelt“ findet an jedem dritten Samstag im Monat statt.

Erwachsene: 7,50 €, Kinder bis 12 Jahren: 3,75 €

Anmeldung unter Telefon: 05 51/4 99 80-30 oder -31

Credits

Text und Fotos: Iris Schaper

Weitere Artikel

Unterwegs

Ausflug-Tipps rund um die Lüneburger Heide

Ihr wollt auf Erkundungstour in der Lüneburger Heide gehen? Hier bekommt ihr Tipps!

Lueneburger Heide Fuesse Heide
Zum Artikel
Reise

Echt unterirdisch: Welfengruft Wolfenbüttel

Im ersten Teil unserer Serie "echt unterirdisch" wird es heute gruselig! Denn in Wolfenbüttel ruhen die Welfenfürsten und ihre Angehörigen in aufwändig verzierten Sarkophagen.

Welfengruft-Wolfenbuettel-Hauptkirche-Altar-Benstem
Zum Artikel