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21. Mai 2018

Auf Wolke Siemers - Heiraten auf dem Dorf

Drei Schwestern kommen für die Hochzeit der Ältesten zurück aus der Stadt 
in ihr Heimatdorf Schweghaus im Landkreis Diepholz – und verzaubern den Hof ihrer Eltern.

Alles auf einen Blick

Schweghaus

Landkreis: Diepholz (Gemeinde Mellinghausen)
Einwohner: 1.075
Erstmals urkundlich 
erwähnt: 1.277

Hinter dem Kornfeld rechts. So hat Nicole Siemers ihren Freunden aus Hamburg den Weg zu ihrer Hochzeit mit Fritjof erklärt. Gefeiert wurde dort, wo ihr Herz hängt: Zu Hause, bei Mama und Papa. Auf dem kleinen Hof in Schweghaus. Das Wäldchen hinter dem Haus, den Garten und die Diele, auf der früher die Kühe standen, verwandelten sie mit viel Liebe und Fantasie in eine Feierlocation. Warum man das Mädchen aus dem Dorf kriegt, aber nie das Dorf aus dem Mädchen und was sie mit ihrer Heimat verbinden, erzählen uns die Siemers-Schwestern.

Siemers_Schwestern_Hochzeit_Köpfe
Nicole (32, Mitte), Sabine (30, links) und Julia (26, rechts)

Euch hat es unterschiedlich weit „in die große Welt“ gezogen. Erzählt mal, was macht ihr?

Sabine Ich gestalte Verkaufsflächen für Mode, wie die von Esprit oder Asics und habe zwei Jahre lang in Oslo gelebt. 
Dort habe ich meinen Freund Alex kennengelernt, mit dem ich norwegisch spreche. Seit zwei Jahren leben wir zusammen in Hamburg. Ich wollte gern wieder näher an meinem Zuhause sein. Alex gefällt es hier. Er ist genauso wie ich ein Familienmensch und oft bei seiner Mutter in Norwegen.

Nicole Unsere Freunde verstehen sich zum Glück super, und alle drei sind auch 
gern bei unseren Eltern. Manchmal sind 
die Jungs auch ohne uns in Schweghaus. 

Julia Ich bin gerade von zu Hause ausgezogen. Es fühlte sich schon ein wenig traurig an, als ich bei der Ummeldung den neuen Aufkleber auf den Perso bekommen habe. Jetzt wohne ich mit meinem Freund Manu in Vilsen, also zwei Orte weiter. 
Ich bin aber mindestens einmal pro Woche zu Hause und besuche unsere Eltern. 

Nicole Mit Julia ist das Küken ausgezogen. Ich selbst habe mit 25 auch allein gewohnt. Vorher hatte ich ein paar Orte weiter in Affinghausen meine Ausbildung zur Fotografin gemacht. Danach war ich bereit für Veränderungen und bin nach Hamburg gezogen. Ich wollte mal in einer Großstadt leben, weil sich sonst, glaube ich, der 
eigene Horizont nicht erweitert.

Siemers_Candybar
Siemers_Hof_Gäste_Deko
Brautstrauß werfen
Siemers_Hochzeitstorte
Siemers_Braut_Party

Jetzt bist du Hochzeitsfotografin mit Atelier in Hamburg. Julia berät Kunden in einem Modehaus in Nienburg. Ihr seid in kreativen Berufen gelandet. Woher kommt das?

Nicole Von Mama. Als Kinder waren wir außerdem viel draußen, haben Hütten gebaut und Familie gespielt. Wir haben zwar auch mal vor dem Fernseher gesessen, aber die meiste Zeit tobten wir draußen – und das hat viel mit Kreativität zu tun. Man hat uns einfach so gelassen, wie wir sind. Es war immer jemand zu Hause: Unsere Oma oder unser Onkel Friedhelm. Und wir hatten uns ja auch als Schwestern. 

Habt ihr euch immer gut verstanden oder gab es auch mal Knatsch?

Nicole Ich war immer ein bisschen eifersüchtig auf Bine. Und Julia musste 
sich ganz schön durchbeißen. Als wir die ersten Freunde hatten, war sie im nervigen Alter.

Julia Ich habe eine kleine Narbe am Kinn. Da haben wir uns mal als Kinder am Waschbecken gefetzt. 


Sabine Es konnte auch schon mal vorkommen, dass wir Verstecken gespielt haben, heimlich ins Haus gegangen sind und Julia schön draußen suchen lassen haben. Das war fies.

Nicole Dadurch ist sie aber auch so stark 
geworden. Wenn wir die Flurtür knallen hören, weiß jeder: Julia ist da. Sie ist auch der heftigste Vereinsmensch von uns 
dreien. Schützenverein, Jugendfeuerwehr, Sportverein – Julia mischt überall mit. 

Ihr zwei nicht?

Nicole In der Jugendfeuerwehr 
war ich früher auch, später als Betreuerin. Und Fußball habe ich gespielt – im SV Staffhorst. 

Sabine Für mich ist das Schützenfest so ziemlich das Schlimmste gewesen... (lacht) 

Siemers_Stühle_Wald
Siemers_Bräutigam_Männer_Zigarre

Was gefällt euch auf 
dem Land?

Nicole In der Stadt macht man das Fenster auf – und da ist das Leben. Das ist toll, aber auch anstrengend. Bei Mama und Papa ist Ruhe, da könntest du nackig durch den Garten laufen, und es würde niemanden stören. Wobei, auf St. Pauli würde das wohl auch niemanden stören. 

Julia Wir haben an unserer Wohnung eine riesige Dachterrasse. Man könnte dort frühstücken. Aber dann könnten auch alle Nachbarn zugucken. Wenn ich mich in die Sonne legen und mal meine Ruhe haben will, fahre ich zu Mama und Papa.

Nicole In Hamburg trifft man sich im Sommer zum Grillen im Park, man kennt den Mann am Kiosk und die Backhus-Mädels. Man winkt sich zu, kommt im Kaufmannsladen ins Gespräch. Eigentlich ist ein Stadtteil 
wie St. Pauli auch ein Dorf. Die Anonymität einer Großstadt hat aber auch seine 
Vorteile. An einem Dorf mag ich die Gerüchteküche nicht, hier wird oft getratscht. 

Sabine Ich mag die Landschaft, das weite Land. Wenn ich hier laufen gehe, treffe ich niemanden. Ab und zu fährt mal ein Trecker vorbei. In Schweghaus kann man jeden ein
zelnen Stern sehen. Wenn ich nach Hamburg reinfahre, die Elbbrücke und die Lichter vom Containerhafen sehe, ist es aber auch wie nach Hause kommen. Allerdings gibt es dort auch eine Menge Kriminalität.

Julia Bekloppte sind hier auch. Auf dem Land kommen Motorsägen weg. 

Wie war für euch das Leben auf dem Bauernhof?

Nicole In der Schule war man schon anders als die Kinder, die in einem „ganz normalen Haus“ lebten, ohne Kühe hinter der Flurtür.

Julia Wir haben viel bei der Ernte geholfen, Strohpressen fand ich toll. Kühe reinlassen war nervig: Erst Zäune spannen, dann hinter
herrennen. Und die Rinder brachen immer dann aus, wenn gerade Disneyclub lief.

Nicole Ich hatte einen Heidenrespekt vor den Tieren. Die Atmosphäre im Bullenstall fand ich bedrohlich. Die Kälbchen waren aber süß. Ich hatte Angst, dass was passiert zwischen Tieren und Treckern. Mama und Papa haben aber immer aufgepasst.

Sabine Ich habe mich mal hinter dem Auto versteckt und gesehen, wie ein Schwein 
geschlachtet wurde. Das hing später im Flur. Seitdem esse ich kein Fleisch mehr.

Julia Und ich hab mal bei einer Kuh-OP 
zugeschaut. Das fand ich mega spannend.

Hatten eure Eltern eigentlich ein Problem damit, dass keine von euch den Hof übernimmt?

Nicole Nein, das hat Papa realistisch ge
sehen. Er hat schon immer nebenbei eine andere Arbeit gehabt und den Bauernhof manchmal sogar scherzhaft als sein Hobby bezeichnet. Einiges ist eben anders gelaufen als gedacht. Die Milchpreise waren nicht 
so gut, der kleine Hof hat in seiner Nische überlebt, solange es ging. Als die Kühe weg waren, sind Mama und Papa zu Sabine nach Oslo gefahren. Das war ihre erste gemeinsame Reise! Wir waren als Kind nur ein einziges Mal im Urlaub: Auf Wangerooge – 
mit Mama und unserer Tante ...

Julia Das war legendär.

Sabine Ja, das stimmt. Deshalb hatten Julia und ich auch die Idee, für Nicoles Jung
gesellinnenabschied diese Reise zu wiederholen – nur wir drei Schwestern. 

Habt ihr als Kind etwas vermisst?

Nicole Wir hatten immer super Ferien. 
Waren im Zeltlager, bei unserer Tante in Bremen, ständig im Freibad.

Julia Und die Ernte, das war so aufregend. Strohballen aufladen, wenn ein Gewitter kam.

Sabine Ich erinnere mich, dass Julia eine rote „Gewitterradler“ hatte, eine enge kurze Hose. Wenn sie die anhatte, konnten wir sicher sein: Es kommt ein Gewitter. Irgendwann hat Mama die weggeschmissen.

Julia Stimmt, die „Gewitterradler“. Und dann mussten wir schnell nach Hause und gucken, ob der voll beladene Wagen 
unter der alten Eisenbahnbrücke Am Höpen durchpasst. Danach gab es Eis für alle.


Zur Hochzeit ging es zurück auf den Hof ...

Nicole Die musste einfach in Schweghaus sein. Das war dann auch sehr emotional. Fritjof und ich wollten eigentlich in der alten Scheune feiern. Papa hatte dann die Idee, die Diele zu sanieren. Das war eine Menge Arbeit. Die Ställe waren ja noch drin. Mama und Papa haben die Gülleschächte zugeschüttet, die Wassertröge entfernt, die haben sich sehr reingehängt.

Sabine Wir haben dann die Feinarbeiten übernommen. 

Siemers_Paar_Wald_Gitarrenspieler
In dem Wäldchen hinter dem Siemers-Hof fand bei Gitarrenmusik die freie Trauung von Nicole und Fritjof statt. Da blieb kein Auge trocken.
Siemers_Familie
FAMILIENBANDE Elke und Herbert Siemers mit ihren Töchtern und deren Partnern (v. l.): das Brautpaar Fritjof & Nicole, Alex & Sabine, Manu & Julia.

War die Feier so, wie ihr sie erträumt habt?

Nicole
Viel besser, als ich mir das jemals hätte vorstellen können. Ich war wie in Trance und hab mich die ganze Zeit gefragt: Ist das jetzt wirklich wahr oder träume ich?   

Julia
Wir haben so viel geheult vor Freude. 

Klingt nach ganz viel Harmonie ...

Nicole
So gern nach Hause zu kommen ist einfach ein Geschenk. Hoffentlich bekommt man das eines Tages mit den eigenen Kindern nur annähernd so gut hin. Unsere Eltern haben sich immer zurückgestellt. Hinter den Hof, hinter die Arbeit, hinter uns Kinder. Wir dürfen bis heute Kind sein, stehen aber jetzt auf eigenen Beinen. Ich würde mir wünschen, dass Mama und Papa jetzt endlich auch mal an sich denken.

Wird es für euch irgendwann ein Zurück nach Schweghaus geben?

Sabine
Warum nicht? Wenn ich hier Arbeit finden kann ...

Nicole
Wir wollen unser Elternhaus auf jeden Fall behalten. Wenn es weg wäre, das wäre das Allerschlimmste. Diese Frage trägt man immer mit sich herum. 

Julia
Ich könnte mir gut vorstellen, dort mit Manu ein neues Haus zu bauen.

Die ganze Familie zaubert mit viel Einsatz, Fantasie und Liebe ein rauschendes Fest.
Heiraten auf dem Dorf
Credits

Text: Vienna Gerstenkorn
Fotos: Freiraumfotografie

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