Krabbenfischer_Meer
5. Februar 2017

Zwei Männer & das Meer

Auf nächtlicher Fangfahrt im Landkreis Aurich mit dem Dornumer Krabbenkutter „Nixe II“.

Alles auf einen Blick

Dornum

Landkreis: Aurich
Einwohner: 4.568
Erstmals urkundlich 
erwähnt: 1.289

Noch ist es stockfinster im Hafen von Dornum. Ein paar Schatten huschen über das Deck des Krabbenkutters. Plötzlich werfen Scheinwerfer alles in helles Licht. Motoren werden angeworfen, Netze hochgezogen, Leinen gelöst. „Moin. Habt ihr Gummistiefel dabei? Nachher steht hier nämlich alles unter Wasser.“ Der Händedruck von Käpt’n Stephan Hellberg ist kräftig.

Krabbenfischer_Kutter
Krabbenfischer_Hand_sw
Krabbenfischer_Möwen_sw
Raus kommen wir nur bei Hochwasser – Käpt’n Stephan Hellberg –

Deshalb muss er diese Nacht eine halbe Stunde nach Mitternacht auslaufen. Schließlich braucht die Nixe mit ihren 1,80 Meter Tiefgang immer die berühmte Handbreit Wasser unterm Kiel. Über Funk kommen die Wasserstandsmeldungen für die Deutsche Bucht. Stephan Hellberg dreht lauter, legt den Kopf zur Seite und lauscht. Dann ist eine ganze Weile nur noch das Brummen der Maschine zu hören. Der Vollmond wirft einen breiten Streifen silbernen Lichts auf das dunkle Meer.

Krabbenfischer_Netz

Fast zwei Stunden tuckert „Nixe II“ durch das Dornumer Tief zu den Fanggründen. Wo die liegen? Stephan Hellberg schiebt den schwarzen Elbsegler in den Nacken und grinst: „Da habe ich so meine Erfahrung.“ Um auf genügend Krabben zu stoßen, müssen Strömung, Tide, Wassertemperatur und die Bodenbeschaffenheit stimmen. Tagsüber ist das Wasser am besten sandig und trüb, damit die Krabbe sich nicht einbuddelt. Nachts besser klar. Beim Krabbenfischen wird auf jeder Seite ein beutelartiges Netz mit Rollen über den Wattboden gezogen. Aufgescheucht springen die Krabben hoch und landen im Netz. „Aber nicht alle, so können sich die Bestände schnell wieder erholen.“ Deshalb gibt es auch keine Quoten für Krabbenfischer.

Krabbenfischer_Fernglas

Nach einer Weile drosselt Hellberg die Maschine und lässt die Netze ins Wasser. Fischwirt Kevin Voß macht sich am Heck zu schaffen, wo der große Topf steht, in dem der Fang später in Meerwasser gekocht wird. „Nixe II“ macht mit zwei Knoten gerade noch vier Stundenkilometer. Vorher waren wir mit acht Knoten unterwegs.
Seit fast 30 Jahren fischt Hellberg nach Krabben. Eigentlich hat er Gas- und Wasserinstallateur gelernt. Doch nach einem Urlaubstag auf einem Kutter war es um ihn geschehen. Er machte eine Ausbildung zum Fischwirt, dann seinen Meister und das Kapitänspatent.

Der Fischer klopft auf das Board mit den Navigationsgeräten und greift zu seiner Thermoskanne mit Kaffee. „Nixe II“ steht außen auf seinem Mug, innen das Wort Flut. Mit müden Augen blickt er zum Horizont, wo sich ein heller Streifen abzeichnet. „Das ist die schönste Zeit jetzt, der Juni mit seinen kurzen Nächten“, sagt er und nimmt einen kräftigen Schluck Kaffee. Eine gewisse Trägheit stellt sich ein. Jetzt heißt es warten.

Krabbenfischer_Nickerchen
Krabbenfischer_Regenjackenmann
Der Aschenbecher füllt sich. „Moin, alle Mann“, knarzt es aus der Funke. Die Stimme seines Bruders schickt ein Grinsen über Stephan Hellbergs Gesicht. „Der fährt hinter uns auf seinem Kutter.“ Die beiden tauschen kernige Sprüche und Fischerlatein über den Äther. Dann ist wieder nur der Motor zu hören. Ab und zu korrigiert Stephan Hellberg die Höhe der Netze. Die See ist spiegelglatt. Der Morgenhimmel färbt sich langsam rot.
Krabbenfischer_Sonnenschiff
Kurz darauf schmeißt Stephan Hellberg die Winde an, um die Netze hochzuziehen. Kevin Voß springt an Deck, holt auf jeder Seite das triefende Netz ein, bugsiert es zu der Schütte und löst den Knoten. Neben Krabben finden sich Krebse, Muscheln, Seesterne, Schollen und andere Fische im Fang. Eilig sammelt Kevin Voß die größeren Tiere heraus. Anschließend rutscht der Fang in eine Trommel mit Sieben unterschiedlicher Größe. Zu kleine Krabben und der Beifang flutschen durch ein graues Rohr zurück ins Meer.
Krabbenfischer_Dampfbad
Krabbenfischer_Krabbenspülen
Krabbenfischer_Fischschleuder
Ostfriesische Bruschetta
Wie man den frischen Fang direkt in ein leckeres Rezept verwandelt zeigen wir euch!

Den restlichen Fang schleppt Kevin Voß in Kisten nach hinten und kippt ihn in das kochende Wasser. Knapp zehn Minuten kochen die Krabben in Meerwasser. Erst so erhalten sie ihre typische orange-rotbraune Färbung. Direkt aus dem Kochtopf füllt Kevin Voß die Krabben wieder zurück in die Kisten. Mit Meerwasser werden sie abgekühlt. Dann hievt er die Kisten gemeinsam mit Stephan Hellberg in den Kühlraum.

Ein Schwarm kreischender Möwen folgt dem Kutter 14 Stunden nach dem Auslaufen zurück in den Hafen von Dornum. Mit rund 200 Kilogramm bringen die Männer einen für die Jahreszeit ganz passablen Fang nach Hause. Am Kai warten schon die Touristen und Gastronomen. Vom Kutter weg verkauft Hellberg ungepulte Krabben. Das meiste aber verschwindet in dem Kühllaster der Erzeugergemeinschaft, der die Krabben sofort zur Sortieranlage bringt. Nachdem sie das Deck mit Süßwasser geschrubbt haben, schließt Stephan Hellberg die Tür zum Führerhaus ab. „Bis nachher“, sagt er zu seinem Kollegen Kevin Voß und entschwindet in den hellen Tag. 

Credits

Text: Klaus Sieg
Fotos: Philipp von Ditfurth

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