Roller Derby
5. Februar 2017

Die Rollschuhbande aus Hannover

hier macht Aua Spaß!

Schubsen, blocken, drängeln. Die Girls der Demolition Derby Dolls aus Hannover sind nicht zimperlich, wenn sie auf ihre Gegner treffen. Aber am Ende eines Roller Derbys haben sich alle wieder lieb.

Alles auf einen Blick

Hannover

Landkreis:  Hannover
Einwohner: 524.000
Erstmals urkundlich erwähnt: 1150

Blogst Gründerin Ricarda Nieswandt

Alles andere als mädchenhaft geht es in der Sporthalle in Hannover-Mühlenberg zu: HeadlockHer (engl. für „in den Schwitzkasten nehmen“) klatscht in voller Fahrt auf den Boden. Wieder auf den Rollschuhen stehend, kracht und knallt es schon auf der anderen Seite. Es wird geschubst, gedrängelt und geschoben. Nicht selten passieren dabei Stürze und viele Mädels fallen aufeinander. Als Zuschauer möchte man rufen: Warum macht ihr das?! Und auch wenn die Rollergirls alle Helme, Schoner und Ellbogenschützer tragen – es sieht gewaltig nach „Aua“ aus.  

Blaue Flecken und Blessuren

Red Hot Jeanny Pepper ist Team-Captain der Derby Dolls. Es ist Montag. Das letzte Mal Training vor dem großen Punktspiel, das am Samstag gegen den Rivalen aus Bremen ansteht. Jeanny zückt ihr Handy und zeigt, wie sie noch vor einigen Wochen aussah: blaues Veilchen am linken Auge. „Als ich mit dem Sport angefangen habe, war das erst mal eine Riesenüberwindung, sich auf das Rempeln und Schubsen einzulassen. Und vor dem Hinfallen hatte ich auch total Schiss. Aber man muss seine Hemmschwelle überwinden, um beim Roller Derby weiterzukommen. Nach einem Jahr Training war ich dann so weit.“
Für die Marketingfrau ist der Fight auf Rollschuhen zu einem „Seelensport“ geworden. „Man merkt, wie viel Kraft in einem steckt. Man muss sich nicht verstellen, kann so sein, wie man ist. Ich war früher eher der ruhige Typ. Durch die Derby Dolls bin ich viel selbstbewusster geworden.“

Red Hot Jeanny Pepper

Demolition Derby Dolls Hannover Red hot Jeanny Pepper

Name: Janine

Alter: 31
Wie bist du auf den Namen gekommen?
Ich bin rothaarig, mein Spitzname lautet Jeanny, ich esse unglaublich gern scharf und die Band Red Hot Chili Peppers ist auch nicht zu verachten. 

 Beschreibe dich mit Drei Worten:
verpeilt, verträumt, verrückt

Position in Team: Jammerin

 

Demolition Derby Dolls Hannover Team Mannschaftsfoto

Jeannys Team, das aus knapp 40 Mitgliedern besteht, ist die erste Roller Derby Mannschaft in Niedersachsen und eines von knapp 25 Teams in ganz Deutschland. Gegründet haben sie sich im Jahr 2011 unter dem Dach des ERC (Eis- und Rollsport-Club) Hannover. 

Ein bunter Haufen

Die Demolition Derby Dolls sind ein bunter Haufen, multikulti sozusagen: Die Frauen kommen aus Polen, Südafrika, den USA, Frankreich. Die jüngste Teilnehmerin ist 18, die älteste 42 Jahre alt. Hier ist jeder willkommen – egal, wie alt, woher, welche Körper- oder Konfektionsgröße man mitbringt. Jeder findet seinen Platz und seine Position im Team.

Wer möchte, bekommt auch einen Derby-Namen, der zum Wesen der Person passt und ein wenig nach Gefahr klingt: Rempelstilzchen, Catastrofairy, Cat Kanniballett, AnnEmy nennen sie sich – ein wenig Show und „Wrestling-Gehabe“ gehört dazu. Genauso wie ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl.
Ich möchte nicht mehr ohne die Derby Dolls sein! – Pochard' Assaut –
Hier entstehen enge Freundschaften. Neben den Trainings montags und samstags unternehmen wir auch privat viel zusammen. Einmal im Monat haben wir Stammtisch-treffen und wir gehen auch gemeinsam auf Konzerte, meistens Punkrock.“
Demolition Derby Dolls Hannover Team Freundschaft

Pochard' Assaut

Derby Dolls

Name: Emilie
Alter: 26
Position im Team: Jammerin

Wie bist du auf den Namen gekommen?

Ich bin Französin und war früher oft feiern. „Pochard“ ist jemand, der sehr viel, sehr schnell trinkt. Bei Tequila-Shots war ich dafür bekannt und konnte danach immer noch stehen. Deshalb „Chard’Assaut“, das ist ein Panzer.

Beschreibe dich mit drei Worten:
zielstrebig, optimistisch, nervig

HeadlockHer

Demolition Derby Dolls HeadlockHer

Name: Nicole
Alter: 34
Position im Team: Blockerin

Wie bist du auf den Namen gekommen?

Den hat mir meine Freundin verpasst, da meine Umarmungen einem „In-den-Schwitzkasten-Nehmen“ (Headlock) doch sehr nahekommen.

Beschreibe dich mit drei Worten:
Optimist, Idealist, Mama

Catastrofairy

Demolition Derby Dolls Catastrofairy

Name: Catherine
Alter: 34
Position im Team: Blockerin, Controllerin

Wie bist du auf den Namen gekommen?
Ich habe mich dreimal umgedreht, leicht an meinen Zauberstab getippt und „kaZAm!“ daraus wurde „Catastrofairy“!

Beschreibe dich mit drei Worten: 
klein, laut, umgekehrt

Lisa

Demolition Derby Dolls Lisa

Name: Lisa
Alter: 29
Position im Team: Trainerin, Controllerin

Wie bist du auf den Namen gekommen?
Es ist mein richtiger Name. Ich bin die Spielverderberin des Teams 🙂

 Beschreibe dich mit drei Worten:
Avocado, Lidschatten, Katzen

Tattoos und Familienausflug

Und auf den Laien wirkt das Heimspiel der Demolition Derby Dolls gegen die Meatgrinders (engl. Fleischwölfe) aus Bremen auch zunächst wie ein Punkrock-Konzert. Die Sporthalle in Hannover-Mühlenberg ist gefüllt mit tätowierten und gepiercten Fans. Darunter Familien mit Kindern, Eltern, Geschwister und Freunde der Teammitglieder. Man kennt sich, man begrüßt einander, feiert lautstark die Liveband, die der Menge vor dem Spiel ordentlich einheizt.
Beide Teams machen sich indessen getrennt voneinander warm. „Wenn wir bei einem wichtigen Punktspiel aus der Kabine kommen, dürfen wir nicht mehr miteinander sprechen“, erklärt Jeanny. Das ist die Anweisung von Trainerin Lisa. Sie will, dass die Mädchen sich voll und ganz auf das bevorstehende Spiel konzentrieren.
Roller Dery zu Gast in Hannover
Es knallt schon mal beim Spiel. Die Mädels nehmen auf ihren Rollschuhen richtig Fahrt auf und werden dabei von ihren Gegnerinnen aufgehalten. Rempeleien sind an der Tagesordnung. Nicht selten liegen die Roller Girls auf dem Boden – doch genauso schnell stehen sie wieder auf. Ernste Verletzungen sind die Ausnahmen, ohne kleinere Blessuren und blaue Flecke geht jedoch keine nach Hause.

Kill, kill, kill

Als die Demolition Derby Dolls zu ihrer Einfahr-Musik ihre Begrüßungsrunden in der Halle drehen, feuern die Fans sie lauthals an. Die Mädchen tragen ihre schwarzen Trikots mit dem giftgrünen Logo. Einige kombinieren zerrissene Strümpfe oder Netzstrumpfhosen zu ihrem Minirock oder den Hotpants. Andere, wie Trainerin Lisa, sind auffällig geschminkt – mit grünem Lidschatten und einem perfekt sitzenden Lidstrich. 

Ein bisschen Show gehört beim Roller Derby einfach dazu.
Der Kader der Derby Dolls bildet einen Kreis am Spielfeldrand. Wie vor jedem wichtigen Spiel stimmen sie ihren martialischen Schlachtruf an: „Demolish, destroy, kill, kill, kill“ („Demolieren, zerstören, töten, töten, töten“). Ganz so schlimm wird es dann doch nicht, aber es geht ordentlich zur Sache.
Regelwerk
Für jede Mannschaft sind jeweils fünf Spielerinnen auf dem Feld, vier sogenannte Blockerinnen und eine Jammerin, die die Punkte holt. Die Roller Girls fahren auf einer ovalen Bahn (Track). Es geht nicht darum, Tore zu schießen oder Gegenstände in ein bestimmtes Ziel zu manövrieren. Die Jammerin muss innerhalb von zwei Minuten – so lange dauert jeweils ein Spielzug – so viele Bahnen wie möglich ziehen, indem sie sich den Weg durch die vier Blockerinnen der gegnerischen Mannschaft freirempelt.
Pochard’Assaut ist eine der Jammerinnen bei den Derby Dolls und versucht gerade, sich durch die Mauer der vier gegnerischen Blockerinnen zu kämpfen. Sie trägt eine grüne Kappe mit schwarzen Sternen über ihrem Schutzhelm, das Erkennungszeichen einer Jammerin. Für Nichteingeweihte sieht es jetzt so aus, als würden sich da eine Menge „Bräute“ prügeln. Doch dahinter stecken Taktik und Ausdauer. Das Ganze folgt klaren Spielregeln, festgehalten in einem rund 70-seitigen Regelwerk.
Demolition Roller Dolls Schietsrichter
Sieben Schieris beobachten das Punktspiel. Sie kontrollieren, ob alles fair zugeht und stechen dabei selbst ins Auge. Nicht nur wegen ihres schwarz-weiß gestreiften Outfits sondern vor allem, weil sie männlich sind. Denn dieser Sport gehört den Frauen. Verstößt ein Roller Girl gegen die Regeln, pfeift einer der Schieris ab und die Fahrerin muss für 30 Sekunden auf die Strafbank. Vor allem Verstöße beim Körperkontakt werden geahndet. Dieser begrenzt sich auf die Hüften, Schultern und den Vorderkörper. Festhalten, Ellbogenschubsen, Bein stellen, von hinten attackieren – all das ist verboten. Eigentlich.
Nach einer Stunde (zweimal 30 Minuten) wilder Rempelei haben die Derby Dolls die Meatgrinders im wahrsten Sinne durch den Fleischwolf gedreht und das Spiel haushoch gewonnen. Die Mädels sind k. o. und der Jubel riesig – nicht nur im eigenen Team. Obwohl die Rivalen verloren haben, freuen sie sich mit. Es wird sich umarmt und gelacht, anerkennend auf die Schulter geklopft für besonders gute Taktiken, Jams oder Blocks im Spiel.
Auch wenn es ein bisschen wehtut – am Ende haben wir uns alle wieder lieb. – Red Hot Jeanny Pepper –
Nach und nach verlassen die Fans die Tribüne und versammeln sich unten in der Halle. Darunter auch der Freund von Jeanny, der inzwischen der größte Fan dieses ruppigen Frauensports ist. „Anfangs war er noch verstört“, erzählt Jeanny lachend. „Doch inzwischen hat er unseren Sport verstanden und fiebert bei jedem Spiel mit.“ Während die Roller Girls nacheinander im Kreis fahren und ihre Zuschauer abklatschen, wird draußen schon mal weitergefeiert. Zusammen mit den Meatgrinders und ihren Fans trinkt man noch das ein oder andere Bierchen, bevor dann alle gemeinsam weiter ins „Herzblut“, ihrer Stammkneipe, ziehen. „Obwohl ein Wettkampf immer anstrengend ist und auch ein bisschen wehtut, haben sich am Ende alle wieder lieb“, sagt Jeanny lachend. „Wir sind eben auch nur Mädchen.“
Derby Dolly gewinnen
Nach schweißtreibenden 60 Minuten haben die Derby Dolls gewonnen. Erschöpft, aber glücklich liegen sich alle in den Armen.
Derby Dolly gewinnen
So sehen Sieger aus. Am Ende stand es 298 zu 183 für die Derby Dolls. Nach der Partie strahlen trotzdem beide Teams. Und es wird gemeinsam gefeiert. Hart zur Sache geht’s beim Roller Derby eben nur auf dem Spielfeld.
Publikumsmagnet Roller Derby
Roller Derby ist ein Vollkontaktsport auf klassischen Rollschuhen, der aus den USA kommt und heute fast ausschließlich von Frauen ausgeübt wird. In den 30er-Jahren skateten erstmals 25 Teams, bestehend aus einer Frau und einem Mann, auf einer ovalen Bahn. Insgesamt mussten sie 57 000 Runden fahren. Gewonnen hatten die, die am längsten durchhielten. Eher zufällig entstanden dabei spektakuläre Crashes zwischen den Fahrern. Besonders der harte Körperkontakt der Frauen untereinander sorgte für Aufsehen. Das gefiel dem Publikum so gut, dass daraus eine Art Wrestling von Frauen auf Rollschuhen wurde – ein Showkampf mit schrillen Kostümen und Kampfnamen für die Fahrerinnen. Diese Variante des Roller Derbys wurde in den darauffolgenden Jahren in den USA zum Publikumsmagneten. In den 70er-Jahren verschwand dieser Show-Sport dann in der Versenkung. 1999 wurde Roller Derby wiederentdeckt. Heute fahren die Mannschaften entgegen dem Uhrzeigersinn über das Oval einer Bahn. Vier Sportlerinnen versuchen, die Jammerin des gegnerischen Teams daran zu hindern, sie zu überrunden. Wer es trotzdem schafft, gewinnt Punkte.
Wir sind eben auch nur Mädchen.
Credits

Text: Anne-Maria Grave
Fotos: Jan Philipp Eberstein // Sebastian Blume // Erik Tillmann

Weitere Artikel

Menschen

Wir rocken den Krebs

Marina Proksch-Park aus dem Kreis Cloppenburg fotografiert Krebspatienten. Die berührenden und schönen Bilder sind Erinnerung und Mutmacher zugleich.

Flugkraft Krebs Fotoprojekt Alina
Zum Artikel
Menschen

Hier kommen die Bioboten aus Haren!

Die Bioboten Lisa und Ivan aus Haren bringen dir deine regionalen Lebensmittel direkt vor die Tür.

Haren_Biobote_Emsland_Lisa_Ivan
Zum Artikel