Kulturelle_Landpartie_Straße
4. Mai 2018

Im Wendland wird´s jetzt bunt

Kulturelle Landpartie

Bayreuth hat seine Wagner-Festspiele, und das Wendland seine Kulturelle Landpartie. Jedes Jahr zwischen Himmelfahrt und Pfingsten laden Künstler und Bewohner in ihre lauschigen Dörfer ein – und zur traditionellen Widerstandsparty nach Gorleben.

Alles auf einen Blick

Satermin

Landkreis: Lüchow-Dannenberg
Einwohner: 147
Erstmals urkundlich erwähnt: 1.309

Kulturelle Landpartie in Gorleben
Widerstand als Fest Rund um das ehemalige Erkundungsbergwerk findet im Rahmen der „Kulturellen Landpartie“ jedes Jahr die traditionelle Widerstandsparty statt: Gegen Atommüll, für Frieden und die schönen Künste.

An die 800 Künstler und Kunsthandwerker sind während der Kulturellen Landpartie aktiv. Unmöglich, sie alle abzuklappern. Viele Besucher lassen sich deshalb einfach treiben. Überall weisen Schilder mit dem Schriftzug „Kulturelle Landpartie“ zu den Events, auch zu den kleinen, versteckten.

Mit Glück landet man dann in so einem lauschigen Traumgarten wie dem der Bildhauerin Doris Geßner in Luckau-Köhlen. Humorvoll wie sie selbst sind auch ihre Skulpturen: Täuschend echt die „Brötchen im Korb“, das gefaltete Handtuch, die Einkaufstüten – alles ist aus Sandstein gehauen.

Kulturelle Landpartie Steinbildhauerin Doris Gessner
Kulturelle Landpartie als Reisebegleiter
Zur „Kulturellen Landpartie 2017“ erscheint jedes Jahr ein Reisebegleiter. Das an die 400 Seiten dicke Programmheft mit acht ausgearbeiteten Rad-Tour-Vorschlägen von der Göhrde bis in den Lemgow kann ab Ostern in Läden im Landkreis Lüchow-Dannenberg, in Hamburg, Lüneburg, Uelzen und an den Ausstellungsorten für 4,50 Euro erworben oder gegen Einsendung von 5 Euro im Büro in Lüchow bezogen werden. 
Kulturelle Landpartie in Gorleben
Pfingstmarkt Kulturelle Landpartie 2017
Der Widerstand hat alles verändert. – Axel Kahrt, wissenschaftlicher Leiter des Künstlerhofs –

Dörfer unter hohen, alten Baumkronen

Das Wendland war ehemals Zonenrandgebiet und ist nach wie vor dünn besiedelt. Die Dörfer mit den skurril klingenden, aus dem Slawischen stammenden Namen liegen meist unter hohen alten Baumkronen. Besonders reizvoll sind die uralten Rundlingsdörfer, kreisförmig gebaute Siedlungen von Fachwerkhöfen rund um einen Dorfplatz. Die Natur wirkt intakt, man sieht Storchennester auf Dächern, ein Rudel Rehe am Waldrand, sorgfältig restaurierte Mühlen. Romantisch und still ist es hier – außer an den elf Tagen der Landpartie. Hotels und Privatzimmer sind dann ausgebucht, manche Weide wird provisorisch zum Campingplatz

Die hohe Künstlerdichte im Wendland hat vor allem politische Gründe. In den Siebzigerjahren geriet der Salzstock in Gorleben nahe der DDR-Grenze als Atommüll-Deponie ins Gespräch. „Die Ostzonalen werden sich schön ärgern“, soll Niedersachsens damaliger Ministerpräsident Ernst Albrecht gesagt haben. Aber er hatte die Rechnung ohne die ansässigen Bauern gemacht.

Hoch auf ihren Treckern sitzend demonstrierten sie zu Hunderten, bald gesellten sich Atomgegner aus Berlin, Hamburg oder Köln dazu, darunter viele Kreative. Und manche blieben einfach da. Hier fanden sie, was sie brauchten: Niedrige Mieten für Häuser und Ateliers, Raum und Freiraum. So entstand auch der Künstlerhof Schreyahn. Seit 1981 können dort Schriftsteller und Komponisten als Stipendiaten logieren. 

Widerstands-Party in Gorleben

Axel Kahrs ist Studienrat im Ruhestand, gebürtig aus Lüchow und der wissenschaftliche Leiter des Künstlerhofs. Er hat die Entwicklung über die Jahre verfolgt: „Der Widerstand hat alles verändert“, erzählt er, „bei den Wahlen wählten plötzlich viele Grün statt Schwarz.“ Und natürlich geht’s auch bei der Landpartie immer wieder um den Anti-Atom-Protest. So zeigt das Gorleben-Archiv die Plakat-Ausstellung „40 Jahre Widerstand“, und am Freitag vor Pfingsten treffen sich alle Veranstalter und viele Besucher zur „Widerstands-Party“ in Gorleben.
Künstler Eduardo Mestre an seinem Stand
Kommune Güstritz. Zusammen mit seiner Familie lebt er ein paar Dörfer weiter. Eduardo Mestre ist einer der vielen Kreativen – hier an seinem Stand.
Ein langer, hoher Zaun sichert die von Kameras, Polizeiwagen und Scheinwerfern rund um die Uhr bewachte Anlage. Diesseits des Zauns drängeln sich die Massen. Ein DJ hat seine Anlage aufgebaut, wummernde Bässe dröhnen durch den Wald, junge Leute tanzen zu Techno-Klängen. Zwischen den Baumwipfeln flattern weiße Hemden mit aufgemalten Totenköpfen im Wind.
Kulturelle Landpartie friedlicher Protest
40 Jahre Widerstand: Seit 1977 protestieren Anwohner, Landwirte und Atomkraftgegner gegen ein Atommüll-Endlager in Gorleben.
Kulturelle Landpartie Gorleben Hullahoop

Wendland hautnah

Eine Reihe Künstler, darunter Doris Geßner, haben das Projekt Wendland hautnah gegründet: „Es ist eine Art KLP im Kleinen und geht den ganzen Sommer über“, erklärt die Bildhauerin. „Auch hier kann man die Künstler in den Werkstätten besuchen und günstig Ferien machen – ganz ohne den Massenbetrieb.“

Kulturelle Landpartie im Wendland
Gemeinsam statt einsam: Mit fantasievollen Aktionen, Live-Musik und „Wunde.r.punkten“ lockt die „Kulturelle Landpartie“ jährlich 60.000 Besucher an.
Kulturelle Landpartie Plakat gegen rechts
Locker bleiben: Freigeister finden hier alles, was das Leben schöner macht: Viel Natur, nette Menschen und Raum für Spiel und Spaß.
Kulturelle Landpartie Musik
Kulturelle Landpartie Gorleben
Kulturelle Landpartie Hund und Kind
Love, peace and harmony: Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten herrscht hier Woodstock-Feeling.
Kulturelle_Landpartie
Alternative Lebensformen: Künstler und Handwerker öffnen während der „Kulturellen Landpartie“ ihre Ateliers und Scheunen. Ein fester Termin für Besucher aus ganz Deutschland. So auch Atelier und (Ausstellungs)Garten von Hannes Eckeberg, Keramikkünstler.
Credits

Text: Frauke Döhring
Fotos: Sabine Braun

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