Restauratorin_Spiegel
16. Februar 2017

Kunst konservieren

Restauratorin aus Niedersachsen

Restauratoren bewahren Kunstwerke und sind dabei selbst Künstler. Sie arbeiten im Sinne der Maler – und dürfen keine Spuren hinterlassen. Ein Atelierbesuch bei der hannoverschen Restauratorin Anja Brigitta Haase.

Alles auf einen Blick

Hannover

Landkreis: Hannover
Einwohner: 550.000
Erstmals urkundlich 
erwähnt: 1.150

Anja Brigitta Haase

Ein riesiger Holztisch vor einer noch größeren Fensterfront. Anja Brigitta Haase nimmt einen hellen Bambusstab in der Größe eines Schaschlikspießes, dann etwas Baumwolle und wickelt es mit Zeigefinger und Daumen um den Stab. Diesen Q-Tip in Übergröße tränkt sie dann in Lösungsmittel und wischt vorsichtig über das Gemälde, das vor ihr liegt. Staub und Dreck der letzten Jahrzehnte bleiben an der Wolle hängen, die Haase dann in eine leere Espressodose abstreift. Bei einem großen Gemälde entsteht ein großer Wattehaufen.

Als Restauratorin brauche ich vor allem auch Geduld. – Anja Brigitta Haase –

Johann Georg Hainz, ein Hamburger Maler, hat das Bild mit dem Titel „Prunkstillleben“ etwa 1665 gemalt. Nun liegt es hier im Atelier im Hannoverschen Stadtteil Herrenhausen. Der erste Schritt ist das Begutachten. Also, die Leinwand untersuchen, auf Schäden prüfen, einordnen, nachdenken. Bei diesem Gemälde wurden auf der Rückseite der Leinwand zwei Flicken aufgebracht, mutmaßlich von Haases Vorgängern. „Man sieht hier schön, was man falsch machen kann“, sagt Haase. Einer der Flicken zeichnet sich deutlich auf der Vorderseite ab. Da muss die Restauratorin ran.

 

 

Eigentlich wollte Anja Brigitta Haase Architektin werden. Bei einem Praktikum im Architekturbüro wird sie Zuschauerin bei der Restaurierung des Hamburger Rathauses. Sie merkt: Das finde ich richtig spannend! Also studiert sie nach dem Abitur Konservierung und Restaurierung an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. Im Studium spezialisiert sie sich auf Gemälde und Holzskulpturen.

 

Wer keine ruhige Hand hat und nicht auch mal drei Tage lang immer wieder dasselbe machen kann, der kann diesen Beruf nicht ausüben. Und doch ist er abwechslungsreich, er bringt Anja Brigitta Haase in die Keller von Museen genauso wie in alte Kirchen in Lettland, um dort zu bewahren, was Menschen geschaffen haben. „Das ist ein moderner Beruf“, sagt Haase.

Anja Brigitta Haase
Anja Brigitta Haase, 34, ist seit einigen Jahren auch als Restauratorin für das Landesmuseum Oldenburg tätig. Bei der Arbeit an Anthonis van Dycks Gemälde „Der Hl. Hieronymus in der Wüste“ fallen ihr Pinselstriche auf, die da so nicht hinpassen. Nach Dutzenden Röntgenaufnahmen entdecken die Experten einen Engel, der irgendwann in den 400 Jahren nach der Anfertigung übermalt wurde. Vielleicht vom Künstler selbst, vielleicht von jemand anderem. Das Beispiel zeigt: Als Restauratorin ist man Bewahrerin und Entdeckerin, mit der schwierigen, aber spannenden Aufgabe, im Sinne von Künstlern zu handeln, die man meist nicht mehr fragen kann.
Restauratorin Bücher
Restaratorin Handschuhe
Restauration Anja Brigitta Haase Hannover

Jedes Kunstwerk ist anders

Kunstgeschichte spielt eine große Rolle im Berufsalltag, ja, aber eben auch Chemie, Mikrobiologie und Materialkunde. „Jedes Kunstwerk ist anders“, sagt sie. In dem großen Holzschrank mit den Dutzenden Schubladen, auf den sie von ihrem Platz am Atelierstisch schaut, sind unzählige Werkzeuge und Materialien verstaut: Pinsel, Pinzetten, Skalpelle und viele kleine Zahnarztwerkzeuge aus rostfreiem Metall. Dazu kommen die Materialien zum Ausbessern, moderne Kunstharze, Leim oder Kreide.

Restaurateurin Anja Brigitta Haase Bildblick
Ethik spielt eine wichtige Rolle beim Restaurieren. „Ich nehme die Künstler ernst“, sagt Haase. Bei einer Restaurierung könne es, so sieht sie das, immer nur darum gehen, den passenden Alterszustand des Bildes zu bewahren.
Restauratorin
Anja Brigitta Haase kann selbst auch malen. Und macht das ja auch, indem sie Kunstwerke so ergänzt, dass das niemandem auffällt. Aber versteht sie sich als Künstlerin? „Das ist eher Malen nach Zahlen“, sagt sie. Die eigene Note, die sei ja beim Kunstwerk nicht gewollt. Alles, was sie tut, muss reversibel sein, also vom nächsten Restaurator wieder rückgängig gemacht werden können. So soll auch gesichert werden, dass die Gemälde immer nach dem neuesten Stand der Technik bearbeitet werden können. „Als Restauratorin muss ich aber natürlich kreativ sein“, ergänzt Haase dann aber doch. Sie muss Probleme finden, einordnen und dann eben Lösungen finden, für die es kein Handbuch im klassischen Sinn gibt.
Restauratorin Pinsel und Stift
Als Restauratorin muss ich aber natürlich kreativ sein. – Anja Brigitta Haase –
Restauration Anja Brigitta Haase Garderobe
Credits

Text: Gerd Schild
Fotos: Philipp von Ditfurth

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